Wo die Zukunft die Gegenwart ist
Vor rund 50 Jahren war Shenzhen noch eine Ansammlung kleiner Fischerdörfer an der Grenze zu Hongkong. Heute zählt die Stadt zu den modernsten Megametropolen der Welt, in der eine atemberaubende Architektur, Elektromobilität und ein digitalisierter Alltag das Leben von Millionen Menschen prägen.
Wenn Li und seine Freundin Mei morgens ihre Wohnung verlassen, genügt ein Blick in die Kamera, und per Gesichtserkennung öffnet bzw. schließt sich die Eingangstür. Ihrem ehemaligen Studienfreund Haoyu, der nachmittags zu Besuch kommt, während die beiden noch bei der Arbeit sind, schicken sie einen temporären QR-Code. Der ist mit der Haus- und Wohnungstür sowie dem Aufzug gekoppelt und bringt ihren Gast direkt in die richtige Etage und an die richtige Tür. Bei 600 Wohnungen mit über 1000 Bewohnern eine echte Hilfe.
Im 7-Eleven um die Ecke holt sich das Paar einen Coffee to go. An der Kasse brauchen sie weder Geldbeutel noch Smartphone. Die Hand über dem Scanner genügt, um per WeChat Pay zu bezahlen. Bei dieser Methode erfassen die Terminals über Nahinfrarotlicht sowohl die individuellen Linien der Handfläche als auch das einzigartige Venenmuster unter der Haut.

Im „Auge von Shenzhen“, der Metrostation Gangxia North mit der futuristischen Kuppel, trennen sich ihre Wege. Li fährt mit der Linie 10 zu einem Technologie-Campus in Bantian, Mei weiter nach Nanshan, wo Shenzhens Start-ups und Zukunftslabore zu Hause sind. Die 29-Jährige arbeitet nicht mehr bei einem der großen Technologie-Konzerne, sondern bastelt an ihrem eigenen KI-Start-up. Kaum eine andere chinesische Stadt bietet dafür bessere Voraussetzungen: Rund um Unternehmen wie Huawei, BYD, den Internet- und Entertainment-Giganten Tencent oder den Weltmarktführer für Drohnen DJI hat sich einer der dynamischsten Gründer-Hotspots Asiens entwickelt.
Ihren Arbeitsplatz mietet Mei in einem Co-Working-Space. Wenn sich mittags der Hunger meldet, bestellt sie ein frisches Reisgericht. Wenige Minuten später bringt eine Drohne ihre Bestellung an die Abholstation im nahe gelegenen Talent Park. Was anderswo noch nach Science-Fiction klingt, gehört in Shenzhen längst zum Alltag.

Von „966“ zum Mittagsschlaf
Ihr Lebensgefährte Li ist meist bis in den Abend hinein im Büro. Lange Arbeitstage gelten in der chinesischen Technologiebranche noch immer als selbstverständlich, obwohl der Oberste Volksgerichtshof 2021 entschieden hat, dass das 996-Modell – von neun Uhr morgens bis neun Uhr abends an sechs Tagen in der Woche arbeiten – illegal ist. Mittlerweile sorgen sich immer mehr Unternehmen um das Wohl ihrer Mitarbeiter. Ergonomische Ruhezonen, Parks, Sportplätze, Arztpraxen und Kantinen für jeden Geschmack gibt es zum Beispiel auf dem gigantischen Firmencampus von Huawei. Nach dem subventionierten Mittagessen wird in den Büros das Licht gedimmt. Die Mitarbeiter können und sollen sich bei einem halbstündigen Nickerchen erholen.

Li ist an der Entwicklung von Sensoren mit 4D-Millimeterwellenradar beteiligt, die in Badezimmern Stürze erkennen, ungewöhnlich lange Aufenthalte registrieren und automatisch Alarm auslösen können. Solche Smart Toilets gibt es inzwischen auch als öffentliche Toiletten am Shenzhen Bay Checkpoint. „Unser Betriebssystem übernimmt sozusagen die Rolle der digitalen Schaltzentrale“, erklärt der junge Ingenieur. „Es zeigt auf einem Display freie Kabinen an, registriert unangenehme Gerüche und informiert das Reinigungspersonal. Sturzsensoren lösen innerhalb von 15 Sekunden Alarm aus.“
In Shenzhen und anderen chinesischen Megastädten gehören smarte Toiletten, die die Harnsäure, das Eiweiß und Blut im Urin messen können, übrigens ebenfalls zum Stadtbild. Gegen eine geringe Gebühr erstellen sie einen persönlichen Gesundheitsbericht. Immer neue Technologien werden im Rahmen von Pilotprojekten getestet. In der Shopping-Mall Gold Plaza gibt es zum Beispiel Toiletten mit smarten Glastüren, die automatisch transparent werden, um heimliche Raucher zu entlarven.
Roboter bitten zum Tanz
Freitagabends treffen sich Li und Mei nach der Arbeit mit ihrem Studienfreund Haoyu im „WALL-E and EVA Human-Robot Collaborative Restaurant“. Kein Wunder, dass die drei Technik-Freaks hier besonders gerne essen gehen. Ein humanoider Roboter begrüßt sie am Eingang. In der Küche schwenkt ein Roboterkoch den Wok, während Menschen die Zutaten vorbereiten. Wenig später rollt ein Serviceroboter mit dem fertigen Essen heran. Und weil Li und Haoyu ausgesprochene Tanzmuffel sind, freut sich Mei später umso mehr über einen Partner, der garantiert nicht kneift: einen Tanzroboter.

Noch ist der Abend nicht zu Ende. Die drei Freunde spazieren, zusammen mit vielen anderen Einheimischen und Touristen, auf den Hügel im Lianhua-Hill-Park bis zur Aussichtsplattform. Von dort oben hat man einen spektakulären Panoramablick auf die Skyline und das wellenförmige Civic Center.

Ein begeistertes Raunen geht durch die Menge, wenn die Dunkelheit hereinbricht und Millionen LEDs bunte Animationen auf die Fassaden der Wolkenkratzer zaubern.
Wanderarbeiter für Wolkenkratzer
Einer, der diese Skyline hat wachsen sehen, ist Kranführer Wang Hua. Wie massenhaft andere Wanderarbeiter zog es auch ihn, kaum volljährig, nach Shenzhen. Das war zu einer Zeit, als es hier nichts gab als Fischerhütten inmitten von Reisfeldern. 1980 erklärt der damalige Regierungschef Deng Xiaoping das unmittelbar an Hongkong grenzende Shenzhen zur ersten Sonderwirtschaftszone Chinas. Die Lage ist ideal: Aus Hongkong kommen Kapital, Technologie und unternehmerisches Know-how, Shenzhen bietet günstiges Land und Arbeitskräfte. Während im übrigen China damals noch die Planwirtschaft dominiert, dürfen hier ausländische Unternehmen investieren und marktwirtschaftliche Ideen erprobt werden.
Die dörfliche Idylle verwandelt sich in wenigen Jahrzehnten in eine Hightech-Metropole mit aktuell rund 18 Millionen Einwohnern. „Shenzhen ist die am schnellsten gewachsene Großstadt der Menschheitsgeschichte“, schreibt der Journalist und Dokumentarfilmer Frank Sieren in seinem Buch „Shenzhen. Zukunft made in China“. Millionen junge Chinesen kommen an die Fließbänder und auf die Baustellen, später in Forschungslabore und Technologieunternehmen. Heute gilt Shenzhen als das chinesische „Silicon Valley“, das das kalifornische Original in Bereichen wie Drohnen, Elektromobilität und Batterien bereits überflügelt.
Doch bevor Shenzhen zur Technologieschmiede werden konnte, musste die Stadt erst einmal aus dem Boden gestampft werden. Von Menschen wie Wang Hua, der als Kranführer unter anderem am Bau des fast 600 Meter hohen Ping An Finance Centers, dem höchsten Gebäude der Stadt, beteiligt war.

Der Bauboom hält an, und Wang hofft, dass Shenzhen erfahrene Kranführer wie ihn trotz Digitalisierung auch in Zukunft brauchen wird. In einem Monat verdient er immerhin mehr als seine Familie in einem ganzen Jahr auf den Feldern in der Heimat. Die liegt in der Provinz Henan, rund 1000 Kilometer nördlich von Shenzhen. Nur zweimal im Jahr besucht er dort seine Frau, die beiden Kinder und seine Eltern.
Hukou: Zwei-Klassen-Gesellschaft
Dass seine Angehörigen zu ihm ziehen, kommt nicht infrage: Weder Wang noch sie besitzen einen sogenannten Shenzhen-Hukou. Ohne diese lokale Haushaltsregistrierung darf er zwar in der Stadt arbeiten, hat aber nur eingeschränkten Zugang zu öffentlichen Sozialleistungen. Für viele Wanderarbeiter ist das der Hauptgrund, warum Frau und Kinder den Umzug nicht wagen.
Für junge Ingenieure wie Li und Mei sind die Hürden deutlich niedriger. Obwohl auch sie zugezogen sind, profitieren sie davon, dass Shenzhen gezielt um gut ausgebildete Fachkräfte und Gründer wirbt. Wer jung und hoch qualifiziert in Zukunftsbranchen ist, hat gute Chancen auf den begehrten Hukou. Da die beiden erst mal in Shenzhen bleiben wollen und auch planen, ein Kind zu bekommen, geht es nicht ohne. Der Shenzhen-Hukou bringt ihnen handfeste Vorteile: Er erleichtert den Zugang zu öffentlichen Schulen und eröffnet ihnen, wenn sie weitere Voraussetzungen erfüllen, zum Beispiel Chancen auf geförderten Wohnraum.
Masterplan und „Schwammstadt“
Während andere Megastädte mit Staus, Smog, unkontrolliertem Wachstum und Elendsvierteln kämpfen, verfolgt Shenzhen seit den 1980er-Jahren einen konsequenten Masterplan. Ein digitaler Zwilling bildet die Stadt virtuell ab und hilft den Strategen, Verkehrsströme, neue Wohnviertel, Energie- und Wasserverbrauch, Sonnen- und Schattenverlauf am Computer zu simulieren und auf die kommenden Jahrzehnte vorzubereiten.
Gegen die Folgen des Klimawandels wappnet sich Shenzhen nach dem Prinzip einer sogenannten „Schwammstadt“. Bei heftigen, subtropischen Regenfällen rauschen die Wassermassen nicht mehr möglichst schnell in die Kanalisation. Begrünte Dächer, Parks, Teiche und Regengärten saugen sie auf wie ein Schwamm.

Selbst Straßen und Gehwege lassen dank spezieller poröser Beläge das Regenwasser versickern. Das entlastet bei Starkregen die Kanalisation und senkt das Überschwemmungsrisiko. Ein Teil des aufgefangenen Wassers wird in Dürreperioden zur Bewässerung von Grünanlagen genutzt.
Was man in Shenzhen nicht findet, sind großflächige Slums, wie sie aus Megacitys wie Mumbai, Manila oder Rio de Janeiro bekannt sind. Das bedeutet jedoch nicht, dass alle Bewohner komfortabel wohnen. Millionen Wanderarbeiter finden in sogenannten „Urban Villages“ günstigen Wohnraum.
Lückenlose Überwachung
Über Satellitenbilder, Drohnen und dichte Netze von Nachbarschaftskomitees überwachen die Behörden den urbanen Raum lückenlos. Sie schreiten ein, bevor sich illegale Bauten dauerhaft etablieren könnten. Hinzu kommt das Hukou-System. Das bremst zumindest einen unkontrollierten Zuzug der Familien und ermöglicht es der Stadt, ihr rasantes Wachstum stärker zu steuern als viele andere Millionenmetropolen.
Selbst die Kriminalität scheint Shenzhen im Griff zu haben, auch wenn verlässliche offizielle Statistiken fehlen. „Wir fühlen uns absolut sicher“, beteuert Mei, als sie spätabends nach der Lichtershow zusammen mit Li und Haoyu nach Hause fährt.
Per App bestellen sie ein Robotaxi. Ein paar Minuten später rollt das Auto vor, ohne Fahrer am Steuer. Die letzten Meter geht’s zu Fuß weiter, da autonome Taxis bislang nicht auf allen Straßen verkehren dürfen.
Schlägereien oder noch Schlimmeres hätten sie noch nie erlebt, nicht einmal Taschendiebstähle. An nahezu jeder Kreuzung, in Bahnhöfen und Einkaufszentren haben Kameras sämtliche Geschehnisse im Blick. Polizeiroboter unterstützen „echte“ Beamte bei ihren Einsätzen, patrouillieren durch Parks und Fußgängerzonen und rufen gegebenenfalls Einsatzkräfte zu Hilfe.
„Die Kameras gehören zu unserem Alltag“, sagt Li. „Sie fallen uns gar nicht mehr auf.“ Dass sie nicht nur der Sicherheit dienen, sondern auch ein Instrument staatlicher Kontrolle sind, wird selten öffentlich diskutiert. Human Rights Watch bezeichnet Chinas Überwachungs- und Zensursystem als eines der strengsten weltweit. Wer die politische Führung offen kritisiert, demonstriert oder sich für politisch sensible Themen engagiert, riskiert Verfolgung und strafrechtliche Konsequenzen. Das gilt nicht nur für Shenzhen, sondern für ganz China.
Für Li und Mei spielt diese politische Dimension in ihrem Alltag jedoch kaum eine Rolle. Sie erleben vor allem die Stadt, in der sie sich rund um die Uhr sicher fühlen. Dass Sicherheit und Kontrolle hier eng beieinanderliegen, gehört zu den Widersprüchen des modernen Shenzhen.
Buchtipps:
„Shenzhen – Zukunft Made in China“ von Journalist Frank Sieren. Wie werden wir morgen leben? Der China-Experte, der seit vielen Jahren im Reich der Mitte lebt, sucht die Antwort in Shenzhen, einer der innovativsten Metropolen der Welt. Er zeigt eine Stadt, in der Hightech, Nachhaltigkeit und urbane Lebensqualität ebenso zum Alltag gehören wie Gesichtserkennung und staatliche Kontrolle. Damit wird die Stadt zum faszinierenden, aber widersprüchlichen Modell für die Zukunft. Penguin Verlag, 2023.

Autobiografie von Tim Oelrich alias Scor. Der Deutsche erzählt von seinem ungewöhnlichen Weg in die chinesische Rap-Szene. Seine Wahlheimat Shenzhen wird dabei zum Ausgangspunkt einer außergewöhnlichen Karriere: Hier arbeitet er zunächst im Marketing, bevor er seinen Job kündigt und als chinesischsprachiger Rapper durchstartet. Das Buch erzählt von seinem Weg bis in die TV-Show „Rap for Youth“ und gibt zugleich persönliche Einblicke in Chinas Jugend-, Alltags- und Musikkultur. GRAU Verlag, 2025.
