Schandfleck oder kulturelles Erbe?

Tausende Bunker entstanden aus der Angst des Diktators Enver Hoxha vor einem Krieg. Was macht Albanien heute mit seiner Vergangenheit aus Beton?

Schandfleck oder kulturelles Erbe?

Wer den Tätowierer Keq Marku besucht, muss sich erst einmal bücken, um durch den 1,30 Meter niedrigen Eingang ins düstere Innere zu gelangen. Sein Tattoo-Studio befindet sich in der Nähe von Koplik, in einem Stahlbetonbau, der von außen wie ein Riesenpilz aussieht: mit einer runden Kuppel auf einem zylindrischen Sockel. Ölgemälde lehnen an den Wänden, denn wenn Marku nicht gerade tätowiert, malt er.

Für Tätowierer sind die Bunker ein beliebter Arbeitsplatz. ©Albanian Trip 

Der Bunker steht auf einem Grundstück, das er vor einigen Jahren samt Wohnhaus gekauft hat. Ein Abriss kam und kommt für ihn nicht in Frage. Denn seine Kunden – viele davon stammen aus aller Welt – finden diese Location ziemlich cool.

Auch Kujtim Roci hat einen leerstehenden Bunker in der Nähe seines Elternhauses umgenutzt. Vor mehr als 30 Jahren stellt der heute 62-Jährige ein paar Tische und Stühle auf, kocht Kaffee und serviert Kuchen. Eine Lizenz verlangt niemand. Schnell spricht es sich herum, dass am Adriastrand des Badeortes Golem das „Café Elesio“ eröffnet hat. Immer mehr Gäste kommen in sein ungewöhnliches Café.

Im Laufe der Jahre weitet Roci sein Geschäft aus und baut das „Hotel Elesio“ um den Bunker herum. Dessen igluförmiges Dach bildet heute mitten im Restaurant den unbestrittenen Hingucker. „Das ganze Gebäude steht auf dem Bunker“, sagt der Hotelier gegenüber dem Deutschlandfunk. „Er ist so etwas wie das Herz des Hotels.“

Die pilzförmigen Betonbunker gibt es fast überall in dem kleinen Balkanstaat: in Gärten, an Stränden, in den Bergen, auf Feldern, in Dörfern und Städten. Darüber hinaus wurden ganze Berge ausgehöhlt, um Schutzräume zu schaffen.

Albanien ist das Land mit den meisten Bunkern weltweit. Die genaue Anzahl ist unbekannt, Experten aus Tirana sprechen von etwas mehr als 173.000.

Bunkerbauer Hoxha

Diktator Enver Hoxha lässt sie in den 1970er- bis 1990er-Jahren bauen, um das Land gegen Invasionen zu schützen. Die befürchtet er nicht nur vom „imperialistischen Westen“, sondern auch von seinem Nachbarn Jugoslawien, von der Sowjetunion und auch von China. Letzteren Staaten wirft er als glühender Verehrer Josef Stalins vor, nicht der reinen Lehre des Stalinismus zu folgen.

Der albanische Diktator Enver Halil Hoxha (1908–1985)

Er bricht sämtliche diplomatischen Beziehungen zum Ausland ab, tritt aus dem Warschauer Pakt aus und sichert die Grenzen durch Stacheldrahtzäune, Minenfelder und eine breite, streng kontrollierte Sperrzone.

Soldaten sollen Albanien damals aber nicht nur gegen Eindringlinge schützen, sondern haben auch den Befehl, auf Flüchtlinge zu schießen. Innenpolitisch überwacht Hoxha mit Hilfe der Geheimpolizei Sigurimi die eigene Bevölkerung, fördert die Denunziation und erstickt jeden Widerstand im Keim. „Die Einheimischen wurden massiv und kontinuierlich einer Gehirnwäsche unterzogen“, betont Elton Caushi, der als Reiseveranstalter und freier Journalist arbeitet und sich intensiv mit dem Phänomen der Bunker in seinem Heimatland beschäftigt. „Die Bunker waren für Hoxha ein großartiges, überall sichtbares Instrument, um die Nation in ständiger Angst vor einem möglichen Angriff zu halten.“

Elton Caushi©Albanian Trip

Die totale Abschottung und „Bunkerisierung“ stürzen Albanien in bittere Armut. Denn mit der politischen Isolation geht der wirtschaftliche Niedergang Hand in Hand. Der Staat ist kaum in der Lage, die grundlegenden Bedürfnisse der Bevölkerung zu decken. Anstatt sich um Nahrung, Bildung und Wohnraum für die Menschen zu kümmern, liegt die höchste Priorität auf dem Bau der Bunker. Jede größere Fabrik ist daran beteiligt, ebenso wie ein Heer von Arbeitern. „Sie mussten Teile der Bunker auf ihren Schultern schleppen und Werkzeug, Zement und Eisen an die unmöglichsten, teils abgelegensten Orte bringen“, so Caushi. „Hätte die Regierung die Energie, Zeit und das Geld in den Bau von Wohnungen und die Infrastruktur gesteckt, wäre mein Land niemals so arm gewesen.“ Schätzungen gehen davon aus, dass jährlich rund zehn Prozent des Nationaleinkommens in den Bunkerbau flossen.

„In meiner Kindheit gehörten die Bunker zur Landschaft wie jeder Felsen, jedes Wohnhaus oder jeder Olivenbaum“, erzählt der 49-Jährige weiter. „Weil sie leer standen und niemals militärisch genutzt wurden, waren sie für uns die perfekten Spielplätze. Sie waren Orte, an denen wir spielen konnten, aber auch nie vergessen durften, dass der Feind immer auf den richtigen Moment zum Angriff lauerte.“

Bunker zu Bars und Museen

Nach Hoxhas Tod und dem Zusammenbruch des Regimes im Jahr 1990 fehlt zunächst das Geld, die Bunker abzureißen. Alle Bunker, auch die, die auf privaten Grundstücken stehen, gehören dem Staat. Die damalige Regierung stellt es allerdings jedem Albaner frei, die Altlasten selbst zu zerstören.

Erst in den 2000er-Jahren fangen der Staat und Privatleute an, die „Schandflecken“ der ehemaligen Diktatur zu beseitigen. Sie werden entweder zu Lagerräumen, Ställen, Touristenunterkünften, Bars oder Restaurants umgebaut, oder ihr Stahl und Beton werden mühsam recycelt und zum Beispiel für die Errichtung von Wellenbrechern, Brücken und Straßen wiederverwertet.

Die beiden größten Bunker befinden sich in Tirana und waren für die politische Führung bestimmt. Die Arbeiter und Ingenieure, die die gigantischen Bunkeranlagen von 1974 bis 1986 schufen, wurden unter Androhung drakonischer Strafen dazu genötigt, den Bau absolut geheim zu halten. Der eine Bunker (heute das Museum Bunk’art) war für die Regierung und Militärspitze gedacht. Die ca. 2600 m² große Anlage mit über 100 Räumen liegt am Stadtrand von Tirana und ist in den Dajti-Berg hineingegraben worden und damit komplett unsichtbar. Der zweite Bunker (heute das Museum Bunk’art 2) liegt im Zentrum der Hauptstadt. Dass sich unter der pilzförmigen Kuppel der Eingang in immerhin 1000 m² große, unterirdische Schutzräume für das Innenministerium befindet, wussten nur Eingeweihte. Einige der Räume wurden auch von der politischen Polizei "Securitate" genutzt, um vermeintliche Gegner des Regimes festzuhalten und zu foltern.

Noch Jahrzehnte nach dem Ende der Diktatur ahnen weite Teile der Bevölkerung nicht, dass diese riesigen Anlagen überhaupt existieren. Der italienische Journalist Carlo Bollino ist einer der ersten, der intensiv über die geheimen Bunker recherchiert und den Blick der Öffentlichkeit auf dieses Stück verdrängter Geschichte lenkt. Denn viele Albaner wollen die dunklen Jahre der Diktatur lieber vergessen als an sie erinnert werden.

2014 und 2016 werden die Museen Bunk’art und Bunk’art 2 in Tiranas Bunkeranlagen auf Initiative des albanischen Kulturministeriums eröffnet. „Wir hoffen, den Albanern zu helfen, sich mit ihrer eigenen Geschichte und ihrer eigenen Vergangenheit zu versöhnen“, sagt Bollino, der beide Ausstellungen kuratiert, der deutschen Wochenzeitung „Jungle World“. Doch die Bunker im Allgemeinen und die beiden Museen im Besonderen spalten die Bevölkerung.

Das Innere des Betonbunkers und der Eingang zum Museum Bunk´Art2, das dem Völkermord während der Sowjetzeit gewidmet ist. Die Fotos zeigen Opfer des Völkermords.

Die Eröffnung von Bunk’art 2 mit dem ehemaligen Folterkeller löst sogar gewalttätige Proteste aus. Ehemalige politische Gefangene sehen ihr Leid verharmlost und kritisieren, dass die Betreiber Profit aus dem Unrechtsregime schlagen. Andere halten eine Erinnerungskultur für unnötig.

Bunk’art als Tourismusmagnet

Die Bauten des Kalten Krieges, die einst als Abschreckung gedacht waren, ziehen dagegen Touristen aus aller Welt an. In den Museen Bunk’art und Bunk’art 2 kommen Zeitzeugen in Videoaufnahmen zu Wort, Originaltonaufnahmen vermitteln Einblicke in Verhöre und rekonstruierte Zellen veranschaulichen die Haftbedingungen der Gefangenen. Beide Museen sind nicht nur historische Ausstellungen, sondern bewusst als Hybrid aus Museum und Kunstinstallation konzipiert. Zwar liegen keine zuverlässigen Besucherzahlen vor, doch laut Tourismusbehörde gehören sie zu den Top-Sehenswürdigkeiten in Tirana.

Elton Caushi ist ein Befürworter der Erinnerungskultur. Und er verfolgt ein ganz persönliches Ziel, wenn er Gästen die Museen und andere Bunker zeigt: „Ich verwandle diese Bunker, die eigentlich dazu gedacht waren, Menschen aus fremden Ländern abzuschrecken, in eine Touristenattraktion. Ich hoffe, Hoxha kann das sehen und dreht sich im Grabe um.“

Buchtipp:

Bunk'Art 2 - In the tunnels of secret Albania von Carlo Bollino. Taschenbuch, Youcanprint, 2026.