Sardiniens Schafe und Ziegen
Seit Jahrhunderten prägen Hirten mit ihren Tieren die Insel. Wer ist bereit, in deren Fußstapfen zu treten, um die Zukunft dieser archaischen Kultur zu sichern?
Der Bergpfad führt über die Wurzeln knorriger, alter Wacholderbäume, die sich tief in Felsspalten festkrallen, vorbei an immergrünen Mastixsträuchern, wilden Olivenbäumen und einzelnen windschiefen Steineichen. Besonders in der Mittagshitze verströmen Rosmarin und Thymian ihren betörenden Duft. Reiseleiterin Lisa Dell bleibt stehen und genießt den Ausblick. Über ihr zieht ein Adler seine Kreise, während unten das tiefblaue Wasser des Golfo di Orosei in der Sonne schimmert. Ein paar Boote ankern vor der idyllischen Sandbucht, die nur vom Wasser aus erreichbar ist. „Oder wenn man sich über die steilen Klippen von hier oben abseilt“, meint sie schmunzelnd. Die 66-Jährige ist auf dem berühmten „Selvaggio Blu“ an der Ostküste Sardiniens unterwegs, einer der wohl schönsten und spektakulärsten Trekkingrouten Europas, die historischen Hirtenwegen, Köhler- und Schmugglerpfaden folgt.

Einen besonders steilen Aufstieg meistert Dell über eine schwindelerregend an die Felswand gebaute „Treppe“ aus Wacholderholz. „Die Hirten haben solche Passagen oft schon vor hundert Jahren angelegt und regelmäßig genutzt“, sagt sie. Sie mache sich keine Sorgen, über die höchst gefährlich aussehende Konstruktion zu gehen. „Es gibt hier viele solcher Treppen, Leitern und Brücken aus Holz. Sie werden regelmäßig gewartet, aber zum Glück nicht durch moderne Stahlkonstruktionen ersetzt, weil sie ein wichtiges Relikt der uralten Hirtenkultur sind.“ Das soll eine historische Hirtenroute sein? Dell nickt: „Es ist ein Trugschluss, dass sich die Hirten mit ihren Schafen und Ziegen nur im Landesinneren aufhielten und aufhalten. Die Tiere fühlen sich auch in steilem Gelände wohl und finden dort Gras und Kräuter zum Fressen.“
Auf alten Hirtenpfaden
Sardinien ist durchzogen von Hirtenpfaden, den sogenannten „sentieri della transumanza“, auf denen Generationen von Hirten mit ihren Herden umhergezogen sind. Die sogenannte „Transhumanz“ – Wanderschäferei – gehörte seit nuraghischen Zeiten untrennbar zu den Inselbewohnern. Die ständige Suche nach den besten Weidegründen bestimmte ihre ganze Existenz. Dieser traditionelle Viehtrieb ist in seiner ursprünglichen Form fast ausgestorben. Seit den 1960er-Jahren sind die meisten Hirten sesshaft. Sie züchten Schafe und Ziegen, sind Milchlieferanten oder produzieren Käse wie Pecorino und Ricotta selbst. Wer heute noch Weiden in abgelegenen Regionen besitzt, wandert die weiten Strecken nicht auf den Pfaden der Ahnen, sondern transportiert seine Tiere per Lkw oder begleitet sie mit Geländewagen.
In der felsigen Hochebene der Barbagia gibt es noch einige wenige wandernde Schäfer. Während die Frauen mit den Kindern und Alten in den Dörfern überwintern, bringen die Männer ihre Tiere im Spätherbst, wenn die Weiden in den bergigen Regionen abgefressen oder durch Sonne und Hitze des Sommers verdorrt sind, in tiefer gelegene Regionen. Je nach Witterung dauert der mühsame Abtrieb mehrere Tage. Es geht nicht über Asphaltstraßen oder markierte Wanderwege, sondern über Trampelpfade, durch dichte Macchia, einsame Wälder und an Flussläufen entlang. Bis heute existiert ein Wegerecht für Schäfer auf der Transhumanz, wenn sie ihre Herde über Weiden von anderen Schäfern und Bauern treiben.

In den Tälern verbringen die Hirten einen einsamen, arbeitsreichen Winter bis zum Frühjahr. Sie helfen den Tieren beim Lammen, melken sie, reparieren Zäune und stellen Käse her. Meist leisten ihnen nur die Herde und Hütehunde Gesellschaft. Ihre Bleibe sind sogenannte Pinnettus, die sie selbst oder Hirten vor ihnen aus Trockenstein, Holz und Heidekraut errichtet haben. Schlafplatz, Werkstatt, Käseküche – alles unter einem Dach. Findet ein Hirte eine freie Hütte, kann er sie beziehen, ganz nach dem Motto „wer zuerst kommt …“. Derjenige, der sie erbaut hat, hat nicht automatisch ein Recht darauf.
Vom Wanderhirten zum Agriturismo
Familie Spartaco gehört zu den Hirtenfamilien, die seit ein paar Generationen sesshaft sind. Sie betreibt den Agriturismo Su Birde, der zwischen Wildoliven und Myrthensträuchern auf einem Hochplateau liegt. Hierher kommt Lisa Dell regelmäßig mit Touristen, mit denen sie auf den alten Hirtenpfaden wandert. Von der Terrasse des Landguts genießt man einen herrlichen Ausblick auf den Golfo di Orosei und die umliegende Berglandschaft. Seit Generationen bewirtschaftet die Familie dieses Land mit Respekt und Hingabe. Vater Giuseppes uraltes Wissen über die Viehhaltung, Käseherstellung u. v. m. stammt von seinem Vater und Großvater. Dieses Wissen gibt er wiederum an seine beiden Töchter Tonirosa und Marta sowie an seinen Sohn Giovanni Andrea weiter. Die Kinder haben Wirtschafts-, Kommunikations- und Agrarwissenschaften studiert und sich entschieden, nicht auf das italienische Festland oder ins Ausland zu gehen. Eher die Ausnahme. Die Eltern sind stolz, dass die drei das Familiengeschäft mit innovativen Ideen und zusätzlichem Know-how bereichern. „Sie sprechen außerdem Englisch, Spanisch und Französisch“, erzählt Mutter Francesca. „Das ist ganz wichtig, denn bei uns übernachten immer häufiger auch internationale Gäste.“
Der schreibende Hirte
Bildung blieb dem durch seine Autobiografie „Padre Padrone“ (1975) weltberühmt gewordenen sardischen Hirten Gavino Ledda bis ins Erwachsenenalter verwehrt. In dem in über 40 Sprachen übersetzten Bestseller schildert er sein hartes Leben auf den Weiden der Insel und seinen unglaublichen Werdegang: Sein patriarchalischer Vater hält Schule und Studium für Zeitverschwendung und Drückebergertum. Nach nur wenigen Wochen beendet er Gavinos Grundschulzeit. „Die Schule ist für die Reichen da, für die Löwen: Wir sind nur die Lämmer“, lautet sein Credo. Er verlangt von seinem Sohn, die Schafe zu hüten und so etwas zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen. Als Erstgeborener lebt der Sechsjährige bei den Tieren, meist getrennt von der Familie und weitgehend auf sich allein gestellt. „Als Kind habe ich mit dem Himmel und den Sternen gesprochen. Ich verstand und sprach alle Dialekte der Natur“, erinnert er sich in einem Interview mit dem STANDARD. Bis er erwachsen ist, bleibt er Analphabet.

Anfang des 20. Jahrhunderts lag die Analphabetenquote auf Sardinien bei etwa 50 Prozent. Gavino durchleidet also kein Einzelschicksal. Mit 18 Jahren will er die Weiden und seinen Geburtsort Siligo verlassen. Fast alle jungen Leute zieht es auf das Festland. Doch der Vater verweigert seine Unterschrift und zwingt den noch Minderjährigen zum Bleiben. Zwei Jahre später meldet er sich freiwillig beim Militär. Für ihn bedeutet dieser neue Lebensabschnitt zwar wieder Abhängigkeit, vor allem aber die Chance, endlich die verpasste Bildung nachzuholen. „Eigentlich wollte ich Carabiniere werden, war aber – rückblickend glücklicherweise – zu klein“, erzählt der heute 88-jährige Ledda der österreichischen Tageszeitung weiter. „Also wurde ich Soldat. Es war schwierig mit dem Italienisch [weil er nur Sardisch sprach, Anm. der Redaktion], aber ich hatte Kollegen, die mit mir lernten und mich unterstützen. Wahre Freunde.“
Sein außergewöhnlicher Wissensdurst hilft ihm, sich beim Militär zum Radiomechaniker ausbilden zu lassen. Nach dem Abschied von der Armee nur vier Jahre später besteht er als Autodidakt das Abitur, studiert in Rom Philologie und promoviert mit 31 Jahren. An den Universitäten von Cagliari und Sassari lehrt er Philologie und Linguistik. Nach dem durchschlagenden Erfolg mit seiner Autobiographie zieht er als freier Schriftsteller und Bauer zurück in sein Heimatdorf Siligo. Über seinen Vater sagt er: „Mein Vater hat mich als persönlichen Besitz betrachtet. Ihm ist es wiederum ebenso mit seinem Vater ergangen. Patriarchen haben als Kinder gehorchen müssen; als Erwachsene haben sie befohlen.“
Bedrohte Traditionen
Obwohl die sardische Gesellschaft immer noch sehr traditionell ist, weigert sich heute die Mehrzahl der jungen Leute, in die Fußstapfen ihrer Väter, Großväter und Urgroßväter zu treten. Seit einigen Jahren schrumpft die Bevölkerung Sardiniens, vor allem in den ländlichen Gebieten. Die Sorge bei den Behörden wächst, dass die Traditionen der Insel – darunter die Hirtenkultur – langsam verschwinden. Coldiretti, der Verband italienischer Landwirte, plant deshalb, Schäfer aus Kirgistan ins Land zu holen. Das zentralasiatische Land hat eine ähnliche Hirtentradition wie Sardinien. Mit dem kirgisischen Arbeitsminister gibt es seit 2023 eine Vereinbarung über ein Pilotprojekt, das etwa 100 kirgisische Schäfer oder Schäferinnen und ihre Familien auf die Insel bringen soll. Wenn sich das Vorhaben als Erfolg erweist, sollen sie ein Bleiberecht erhalten und Tausende weitere Hirten angeworben werden.
Während die Kinder der Spartacos vom Agriturismo Su Birde die lange Hirtentradition ihrer Familie mit dem Tourismus verknüpfen, lebt und arbeitet Mattia Moro in seinem Heimatdorf Mamoiada ein klassisches Hirtenleben. Für den jungen Mann geht es dabei nicht nur um die eigene Familientradition: „Ich glaube, dieser Beruf ist für die Insel grundlegend wichtig. Nicht nur aus wirtschaftlichen, sondern auch aus kulturellen Gründen“, sagt er in der YouTube-Dokumentation „Hirten und Schafe“. Dankbar sei er dafür, dass sein Vater ihm neben dem Umgang mit den Tieren beigebracht habe, wie man Käse – Pecorino und Ricotta – in Handarbeit produziert.

Früh morgens um 5.30 Uhr beginnt sein Tag, abends um halb acht endet er. An 365 Tagen im Jahr. Die Schafe werden von Helfern und von ihm selbst per Hand gemolken, die Milch landet anschließend kannenweise in einem großen alten Kupferkessel. Während 90 Prozent der Schäfer ihre Milch an die großen Molkereien liefern, „verarbeiten wir unsere gesamte eigene Milch und verwandeln sie in Käse.“ Er vermischt die Milch mit Zutaten, kocht und rührt sie. Mit der rechten Handfläche prüft er später die geronnene Oberfläche auf ihre Konsistenz. Erst, wenn sie einen Abdruck hinterlässt, ist der Pecorino fertig.
Mattia arbeitet wie sein Vater und Großvater aus leidenschaftlicher Überzeugung. Dass er nicht nur Hirte, sondern auch Käser ist, gibt seiner Arbeit einen tieferen Sinn. „Mir gefällt das, weil ich die Früchte der Arbeit sehe.“ Ihm sei es wichtig, seine Käselaibe nicht an Großmärkte zu liefern. „Ich ziehe es vor, meinen Pecorino an Leute zu verkaufen, die ihn wertschätzen und verstehen, welche Arbeit dahintersteckt“, sagt er.
Auch der Agriturismo Su Birde produziert die meisten Lebensmittel selbst, alles in Bio-Qualität. Wenn Lisa Dell mit einer Gruppe kommt, ist die Begeisterung über die kulinarischen Köstlichkeiten groß. „Ein Glück, dass es Familien wie die Spartacos gibt“, findet sie. „Durch sie bleibt die Hirtenkultur auf Sardinien lebendig.“ Dieser archaischen Kultur verdanke die Insel so viele einzigartige, seit Jahrhunderten überlieferte Bräuche, sei es die Transhumanz auf alten Hirtenpfaden, der berühmte Kehlkopfgesang „Canto a tenore“, die Bauweise der Pinnettus oder eben die Käseherstellung nach überlieferten Rezepten.