Modell-Location für Lifestyle und Luxus
Die Costa Smeralda schrieb als radikal geplantes Experiment ein neues Kapitel der europäischen Tourismusgeschichte. 60 Jahre später beweisen die Zahlen, dass die Vision lebt.
Millionenschwere Jachten ankern in der Marina des mondänen Porto Cervo, dem unbestrittenen Jet-Set-Zentrum der Smaragdbucht auf Sardinien. In den Gassen und an der Hafenpromenade buhlen Spitzenhotels, Sternerestaurants und Designerboutiquen von Dior, Hermès & Co. um zahlungskräftige Kundschaft. Kaum war der Ort in den 1960er-Jahren als architektonisches und landschaftliches Vorzeigeprojekt quasi im Niemandsland entstanden, gab sich die internationale Prominenz die Klinke in die Hand. Heute schätzen Stars aus Unterhaltung, Sport und Politik wie Sir Elton John, Beyoncé, Heidi Klum und Ex-Formel-1-Teamchef Flavio Briatore immer noch die Kombination aus Naturkulisse, einzigartiger Architektur, Luxus und Glamour.
Der Entdecker der Costa Smeralda
Aber wie fing eigentlich alles an, in Porto Cervo und an der Costa Smeralda? Bei einem Ausflug in den damals noch völlig unberührten Nordosten Sardiniens entdeckt der britische Investor Duncan Miller 1959 wohl eher zufällig ein Gebiet von außerordentlicher Schönheit zwischen Olbia und Palau. Er ist so begeistert von den rauen Granitfelsen und den unzähligen, unberührten Buchten, dass er einige betuchte Freunde davon überzeugt, gemeinsam Grundstücke zu kaufen, um dort private Sommerresidenzen zu errichten. Auf den Fotos gleicht die Gegend „dem irdischen Paradies“, erinnert sich Mitinvestor Prinz Karim Aga Khan IV. (1936 – 2025). Er entwickelt sich schnell zum wichtigsten Denker und Lenker des Projekts.
Doch es ist keine Liebe auf den ersten Blick. Als Aga Khan die Gegend zum ersten Mal persönlich besucht – ein Stück Land hatte er auf dem Papier gekauft, ohne es gesehen zu haben – herrscht trister Winter. „In der Gegend gab es keine Trinkwasserquelle, und es gab kein Telefon in einem Umkreis von mehreren Kilometern.

Die Hin- und Rückfahrt mit dem Jeep zwischen der Costa Smeralda und Olbia dauerte mindestens acht Stunden, ein echtes Unterfangen, nur um sich täglich versorgen zu können“, erzählt er 1987 dem „Costa Smeralda Magazine“. „Ich bereute bitter, 25.000 Dollar investiert zu haben – eine damals beträchtliche Summe, die beispielsweise den Kosten von zehn Studienjahren an der Harvard University entsprach.“ Im darauffolgenden Sommer besucht er den Küstenstreifen erneut. Was er dieses Mal vom Segelboot aus sieht, überwältigt ihn: Felsen aus rosafarbenem Granit, türkisblaues, in der Sonne glitzerndes Wasser und einsame, weiße Buchten.
Die „Monti di Mola“, so nennen die Einheimischen die Gegend damals, sind extrem dünn besiedelt, die Küste unbebaut, die Landschaft naturbelassen. Vereinzelt wohnen Bauern mit ihren Familien und Tieren in typischen, aus Granitsteinen gebauten und mit Schilf gedeckten Gehöften („Stazzi“).


Für Sardinien typische Stazzis, kleine Bauernhöfe aus Granitstein.
Genau in dieser Abgeschiedenheit, der fehlenden baulichen Verdichtung und Infrastruktur sieht der Aga Khan jetzt doch großes Potenzial für ein visionäres Tourismusprojekt. Es soll weit über ein paar Sommerresidenzen hinausgehen und die Reichen und Schönen aus aller Welt anlocken. Während im restlichen Italien, aber auch in Spanien, Portugal und Griechenland, als Antwort auf den beginnenden Massentourismus in den 1960er-Jahren Hotelkomplexe und Shoppingmeilen aus dem Boden gestampft, Dünen- und Küstenzonen betoniert und Flüsse kanalisiert werden, wird die Costa Smeralda unter strikten Vorschriften als ein Ort für eine elitäre Zielgruppe entwickelt.
Luxus – aber bitte nachhaltig!
1962 gründet der Prinz gemeinsam mit den Investoren Giuseppe Mentasti (San Pellegrino), Patrick Guinness (Bierbaron), John Duncan Miller (Banker) und René Podbielski (Schriftsteller) das „Consorzio Costa Smeralda“. Weder die Bauern, die ihr unfruchtbares Land an dem felsigen Küstenstrich für eine vergleichsweise geringe Entschädigung verkaufen, noch sonst jemand ahnt, dass diese Männer und allen voran der Aga Khan auf den rund 3000 Hektar Land ein neues Kapitel des Tourismus schreiben werden. Die Gründungsurkunde des Consorzio liest sich rückblickend wie ein Dokument der Gegenwart: Sie beinhaltet Landschaftsschutz, Respekt für Gewässer und verspricht, ausschließlich traditionelle Bauweisen und -materialen zu gestatten. All dies zu einer Zeit, die andernorts von rücksichtsloser Umweltzerstörung geprägt ist.
Die Grundregel ist so einfach wie revolutionär: Nur vier Prozent der erworbenen Flächen dürfen bebaut werden. 96 Prozent müssen Naturraum bleiben. Ein vom Aga Khan eingesetztes Komitee, bestehend aus den renommierten Architekten Jacques Couëlle, Michele Busiri Vici sowie Luigi Vietti, legt verbindliche Kriterien für die Bebauung fest.

Die drei gelten als die Väter des sogenannten „Emerald Architectural Style“, der kein Architekturstil im klassischen Sinn ist, sondern ein kuratiertes Landschafts- und Gestaltungskonzept. Dieses sieht die Architektur, Topografie und Vegetation als Einheit und schützt die Landschaft vor visueller und ökologischer Zerstörung. Zugleich soll es aus der Costa Smeralda eine Luxusdestination formen.
Damit dieser Spagat gelingt, gelten strenge Vorschriften des Konsortiums, die strikt eingehalten werden müssen. Und zwar bis heute. Gebäude dürfen maximal zweigeschossig sein und die Landschaft nicht überragen. Sie sollen Teil der Natur werden, aus organischen Formen bestehen und in, nicht auf den Hang gebaut werden. Bäume, die abgeholzt werden, müssen ersetzt werden, Sichtachsen auf das Meer und Granitformationen frei bleiben. Der Bau von linear angelegten Straßen ist verboten, stattdessen folgen sie kurvenreich dem Terrain. Grundrisse müssen so konzipiert sein, dass sie Felsformationen integrieren. Bauherren dürfen ausschließlich regionale Materialien verwenden wie Granit aus der Gallura, Wacholder- oder Korkeichenholz, Terrakotta und Kalkputz. Aga Khans Architektenteam definiert einen Color Code, der Weiß- und Sandtöne, Ocker, Pastellrosa sowie weiches Mediterran-Blau für Türen und Fensterrahmen umfasst.
Schlanke Verwaltungsstrukturen
Während viele Tourismusgebiete in Italien unter schwerfälligen Verwaltungsstrukturen leiden, übernimmt das Consorzio Costa Smeralda von Anfang an auch Aufgaben, für die eigentlich der Staat verantwortlich ist. Darunter fallen die Pflege der Küste, der Straßenbau, Brand- und Landschaftsschutz. Jeder Neubau erhält nur nach eingehender Prüfung durch das Komitee eine Baugenehmigung. Damit die High Society bequem anreisen kann, wird der ehemalige Militärflughafen Olbia-Venafiorita modernisiert. Von hier aus starten und landen u. a. die Flugzeuge von Aga Khans eigener Fluggesellschaft Alisarda (später Meridiana und bis zur Insolvenz 2020 Air Italy). Mit dem stetig wachsenden Besucheraufkommen stößt Venafiorita jedoch bald an seine Grenzen. 1974 ersetzt ihn der neue, deutlich leistungsfähigere Flughafen Olbia Costa Smeralda, der nun das wichtigste Tor zur Region darstellt.

Innerhalb weniger Jahre entstehen aus dem Nichts, auf bislang unbewohntem oder kaum bewohntem Boden, mehrere Urlaubsorte. Dazu zählen Porto Rotondo, Portisco, Pevero und Poltu Quatu. Zum Zentrum der Costa Smeralda wird Porto Cervo, ebenfalls auf dem Papier kreiert. Michele Busiri Vici entwirft die Kirche Stella Maris, die als Wahrzeichen über der Bucht thront. Die hübsche Piazzetta, deren Arkaden, Balkone, verwinkelte Gänge und kleinen Boutiquen eine typische italienische Piazza widerspiegeln, verdankt der Ort Luigi Vietti. Vietti & Consorzio haben auch die luxuriöse Marina, die sich an den Küstenverlauf schmiegt, geplant. Als Meisterwerk des organischen Bauens gilt das Hotel Cala di Volpe von Jacques Couëlle.
Die Sardinien-Spezialistin Nicole Raukamp erzählt in ihrem Reiseblog pecora-nera.eu, dass viele Sarden Porto Cervo einst „la città invisibile“ nannten, weil der Ort so perfekt in die Landschaft eingepasst, ja fast unsichtbar war. Das sei heute nicht mehr so, obwohl immer noch die Vier-Prozent-Regel auf dem Papier existiert. „Mittlerweile ist fast jeder Hügel bebaut und die Baukräne sind so präsent wie schon lang nicht mehr. Die Häuser werden ‚unrunder‘ und die Bauten sind nicht mehr wirklich in der Landschaft versteckt.“

Die Erfolgsgeschichte geht weiter
2025 stirbt Prinz Karim Aga Khan IV., der Initiator der Smaragdküste, doch seine Vision lebt weiter. Smeralda-Holding-CEO Mario Ferrara schwärmt auf der Website des Konsortiums: „Das Business on the book für 2026, also die bereits bestätigten Buchungen, liegt 40 % über dem gleichen Zeitraum des Vorjahres. Und dieses Jahr haben wir besser performt als die Côte d’Azur, die Amalfiküste und andere Destinationen, mit denen wir uns vergleichen.“ Er rechnet mit globalen Wachstumsmärkten wie zum Beispiel Afrika, dessen zukünftige Mittelschicht er für das nächste große Publikum des Luxustourismus hält: „In den kommenden zehn Jahren werden 50 Millionen Afrikaner über das Einkommen verfügen, zu reisen und in Luxushotels zu wohnen.“

Das Fazit der Sardinien-Spezialistin Nicole Raukamp auf ihrem Blog pecora-nera.eu lautet: „Unterm Strich hat ganz Sardinien unheimliches Glück, dass es Aga Khan gab. Seine Vision trägt bis heute Früchte – inselweit. Denn wer weiß, vermutlich hätte sich der Tourismus über die Zeit andere Wege gesucht. Auf Sardinien sähe es an der Costa Smeralda vielleicht aus wie an der Adria-Küste bei Rimini oder wie bereits nebenan auf Korsika.“ Bleibt zu hoffen, dass das Consorzio Costa Smeralda seine Prinzipien weiterhin so konsequent verfolgt und dieses wunderschöne Fleckchen Erde schützt – nicht nur für die Schönen und Reichen, sondern auch für die wenigen Einheimischen und für Touristen außerhalb des internationalen Jet-Sets.