Künstler, Kosmopolit, Populist

An dem albanischen Ministerpräsidenten Edi Rama scheiden sich die Geister: Die einen finden ihn charismatisch, reformfreudig und erfrischend unkonventionell, die anderen werfen ihm Korruption und eine autoritäre Führung vor.

Künstler, Kosmopolit, Populist

Edi Rama liebt es, aufzufallen. Nicht nur durch seine Körpergröße von knapp zwei Metern, sondern auch durch seine Kleidung. Im Kreis hochrangiger Politiker trägt er weiße Sneakers und empfängt Journalisten schon mal barfuß in seinem Büro, das mit seinen Zeichnungen tapeziert ist. Über eine angeblich altmodische Pluderhose, die er zum Nationalfeiertag trägt, machen sich die Medien lustig, auf Facebook kontert Rama, dass es sich um ein Modell des japanischen Designers Yohji Yamamoto handeln würde. Und fügt laut Basler Zeitung bissig hinzu: Manche Albaner verstünden von der Mode so viel wie ein Affe von einer Unterhose.

So unkonventionell das Auftreten und vielschichtig der Charakter des albanischen Ministerpräsidenten sind, ist auch seine Karriere: In jungen Jahren spielt er Basketball und schafft es in die albanische Nationalmannschaft. Auswärtsspiele sind für ihn eine willkommene Möglichkeit, hin und wieder sein abgeschottetes Heimatland zu verlassen. An der Kunstakademie in Tirana studiert er Malerei und lehrt dort von 1986 bis 1994 als Professor. Anschließend lebt und arbeitet er als Künstler in Paris. Seine Werke stellt er auf diversen Biennalen sowie in renommierten Museen wie dem Pariser Centre Pompidou oder dem New Museum of Art in New York aus.

1998 kehrt er eigentlich nur zur Beerdigung seines Vaters nach Tirana zurück. Da ruft ihn der damalige Regierungschef Fatos Nano an und bittet ihn, Kulturminister in seinem Kabinett zu werden. Seine Berufung soll signalisieren, dass der Ministerpräsident von alten Kadern und festgefahrenen Denkweisen weg will, hin zu innovativen Ideen und kreativen Köpfen in seinem Team. All dies verkörpert der „Rebell“ Edi Rama. Der schildert dem ZEITmagazin die bizarre Situation während der Trauerfeier wie folgt: „‚Was ist schlimmer‘, sagte meine Mutter unter Tränen, ‚dass dein Vater gestorben ist oder dass du Minister wirst? […] Geh sofort zum Haus des Premierministers, und sag ihm, dass du wegen des Todes deines Vaters verwirrt warst.‘ Ich sagte, das sei eine Schande, das könne ich nicht. ‚Wenn du dich jetzt nicht traust zurückzutreten‘, fügte sie hinzu, ‚wirst du für den Rest deines Lebens in diesem politischen Schlamassel feststecken.‘“

Ein Bürgermeister bringt Farbe in die Stadt

Statt „politischem Schlamassel“ erlebt Edi Rama eine steile Karriere: Nach zwei Jahren als Kulturminister wird er Bürgermeister von Tirana und lenkt bis 2011 die Geschicke der Hauptstadt. Er lässt illegal errichtete Gebäude abreißen, kümmert sich um die Modernisierung der Abfallwirtschaft, bekämpft die Verschmutzung des Lana-Flusses und schafft mit dem „Clean and Green“-Projekt fast 100.000 Quadratmeter Grünflächen und Parks.

Bunt statt grau: die Fassaden in der Hauptstadt Tirana.

Das sichtbarste Vermächtnis Ramas sind allerdings die Häuserfassaden, die er in leuchtenden Farben bemalen lässt, damit Tirana endlich das triste, kommunistische Image abschütteln kann. Für seine Kritiker reine Kosmetik, doch die Bevölkerung feiert die bunte Häuserlandschaft. „Mein Name wurde am Anfang vor allem mit zwei Dingen verbunden: dem Abriss illegaler Bauten, um öffentlichen Raum zurückzugewinnen“, sagt Edi Rama damals der Plattform für akademischen Austausch Euroacademia. „Und dem Einsatz von Farben, um die verlorene Hoffnung meiner Stadt zurückzugeben.“ Für ihn sei Farbe nicht nur Ausdruck von Kunst, sondern eine Form politischer Aktion.

Für die radikale Umgestaltung der Hauptstadt erhält Edi Rama internationale Anerkennung: Das Time Magazine zeichnet ihn als „European Hero“ aus. Darüber hinaus setzt er sich 2004 gegen die Konkurrenz von 400 anderen Bürgermeistern aus aller Welt durch und gewinnt den Titel „World Mayor“.

Vom „World Mayor“ zum umstrittenen Ministerpräsidenten

2013 klettert Edi Rama auf der Karriereleiter weiter nach oben und wird Ministerpräsident von Albanien. Bei den Wahlen 2025 erlangt seine Sozialistische Partei (PS) die absolute Mehrheit und sichert ihm die vierte Amtszeit in Folge. Internationale Wahlbeobachter unter Führung der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) bemängeln den Wahlkampf – wieder einmal. Zwar seien die Wahlen an sich korrekt abgelaufen, doch habe die Regierungspartei im Vorfeld ihre Macht missbraucht, Staatsbedienstete und andere Wähler bespitzelt und eingeschüchtert sowie öffentliche Gelder in eigener Sache ausgegeben. Die albanische Opposition unter dem 81-jährigen Sali Berisha protestiert seit Jahren gegen die Alleinherrschaft Ramas, sie ist aber zerstritten und kämpft selbst mit Korruptionsvorwürfen.

Schon bei den Wahlen von 2017 und 2021 gab es Unregelmäßigkeiten. „Die Sozialisten Edi Ramas ließen vor der Wahl von 9000 Spitzeln Karteikarten über 910.000 Wähler der Region Tiranas anlegen, mit Angaben über ihre Arbeit, ihre Parteipräferenz und wie ihre Stimmabgabe durch Geschenke manipuliert werden könnte“, erläutert Johanna Deimel, Mitglied des Präsidiums der deutschen Südosteuropa-Gesellschaft, gegenüber der Deutschen Welle. „Dass Edi Rama diese Spitzel und deren Datensammlung als normal bezeichnete, zeigt, wie weit er sich vom liberalen Demokratieverständnis entfernt hat.“

Von US-Präsident Trump wird Edi Rama persönlich eingeladen, am “Board of Peace" ("Friedensrat") teilzunehmen. Das albanische Parlament stimmt mit großer Mehrheit der Teilnahme zu.

Zur Demokratie gehört bekanntermaßen auch Pressefreiheit. In der Rangliste von „Reporter ohne Grenzen“ rangiert Albanien aktuell auf Platz 80 von 180 Ländern. Regelmäßig schließt Rama Journalisten von Pressekonferenzen aus, die ihn mit unangenehmen Fragen konfrontieren. Er vergleicht die Arbeit von Journalisten mit „Nazi-Propaganda“ und unterstellt, dass sie „Fake News“ und Lügen verbreiten, berichtet Birger Schütz von „Reporter ohne Grenzen“ im Radiosender Deutschlandfunk Kultur. Im Sommer 2022 habe der Ministerpräsident den TV-Journalisten Klevin Murka bei einer Pressekonferenz vor laufenden Kameras abgekanzelt und ihm „Umerziehung“ angedroht. „Die EU sollte dieses Problem kritisch und laut benennen“, fordert Schütz. Zur Eröffnung der Beitrittsgespräche habe EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen stattdessen Albanien sogar für eine freie Presse gelobt.

Rama wird darüber erleichtert sein, denn sein zentrales Wahlkampfversprechen lässt er im ganzen Land plakatieren: einen roten Pass mit dem albanischen Doppeladler, daneben: Albanien in der EU bis 2030! Nur mit Edi!“ Rama ist ein glühender Anhänger der Europäischen Union. „Aus Gründen der Sicherheit und der Einheit Europas ist es vollkommen klar – zumindest für mich –, dass es keinen anderen Weg gibt, als die Länder des Westbalkans in die Europäische Union zu integrieren“, sagt er in einem Interview mit der österreichischen Tageszeitung Kurier. „Der Westbalkan liegt mittendrin. Ich spreche daher nicht von einer Erweiterung, sondern von einer Vereinigung.“

Mit einer KI-Ministerin gegen Korruption

Größte Hürden für den EU-Beitritt Albaniens sind die Korruption und organisierte Kriminalität (Drogenhandel und Geldwäsche). Mit Unterstützung der EU führt das Land 2016 eine umfassende Justizreform durch. Die Regierung richtet eine „Spezielle Anti-Korruptions-Einheit“ (SPAK) ein, die auch die „Unantastbaren“ verfolgen soll: hochrangige Politiker, Richter und andere Staatsbeamte.

KI-Ministerin Diella: Garant für weniger Korruption?

Damit es zukünftig gar nicht erst zur Korruption kommt, führt Albanien 2025 als erstes Land weltweit eine KI-Ministerin ein. Diella, so heißt die angeblich unbestechliche Mitarbeiterin der Regierung, ist keineswegs nur ein PR-Gag, sondern der ernsthafte Versuch, öffentliche Ausschreibungen besser zu überwachen. Das mit ihr verbundene Ziel formuliert Edi Rama in der spanischen Tageszeitung El País: „Öffentliche Aufträge sollen 100 Prozent korruptionsfrei werden.“ Doch bereits wenige Monate später gerät der KI-generierte Avatar in die Schlagzeilen oder besser gesagt diejenigen, die ihn programmiert haben. SPAK stellt zwei hochrangige Beamtinnen der Nationalen Informationsagentur unter Hausarrest, die Diella in Zusammenarbeit mit Microsoft entwickelt haben.

Dass Diella die hochgesteckten Erwartungen nicht erfüllen kann, zeigt ein prominentes Beispiel: Belinda Balluku, bis vor Kurzem Albaniens stellvertretende Ministerpräsidentin, wird aktuell beschuldigt, öffentliche Ausschreibungen manipuliert und bestimmte Unternehmen bei Großaufträgen bevorzugt zu haben. Im März 2026 beantragt SPAK Ballukus Festnahme, scheitert aber, weil das Parlament ihre Immunität nicht aufhebt. Belinda Balluku bestreitet die Vorwürfe, und ihr Chef bezeichnet die Anklageschrift laut dem renommierten Nachrichtenportal Balkanweb als „Unsinn“.

Die jüngsten Proteste in Albanien, ausgelöst durch ein geplantes Hotelprojekt des Trump-Clans, richten sich auch gegen Edi Rama.

Auch für Edi Rama selbst ist es unbequem geworden: Seit Ende Mai protestieren tausende Albanerinnen und Albaner gegen ein geplantes Luxusresort auf der Insel Sazan. Bei dem Bauprojekt, übrigens unter Beteiligung der Trump-Tochter Ivanka und ihres Ehemanns Jared Kushner, würde auch die nahegelegene Narta-Lagune in Mitleidenschaft gezogen – ein wichtiges Rastgebiet für Flamingos. Die rosafarbenen Vögel sind seitdem zum Symbol der Proteste geworden, die sich inzwischen auch gegen Edi Rama richten. Auch ihm wird nun Korruption und Intransparenz vorgeworfen, dazu kommt die Unzufriedenheit über weitere Probleme im Land. Der Frust der Demonstranten ist groß: „Albanien steht nicht zum Verkauf“, skandieren sie. Ob die „Flamingo-Revolution“ dem selbstbewussten Ministerpräsidenten gefährlich werden kann, bleibt abzuwarten.