Deckmantel Naturschutz

China inszeniert sich als ökologische Vorreiternation: Riesige Nationalparks entstehen, bedrohte Tierarten werden unter Schutz gestellt, Milliarden fließen in erneuerbare Energien. Doch hinter der grünen Fassade steht ein gewaltiger Widerspruch.

Deckmantel Naturschutz

Eingehüllt in Chubas, traditionelle Wickelmäntel, trotzen Gecho und seine Ranger-Kollegen der eisigen Kälte. Hier oben, im Sanjiangyuan-Nationalpark im Tibetischen Hochland in einer Höhe von über 4500 Metern, befindet sich eines der weltweit wichtigsten Schutzgebiete für Schneeleoparden. Er zieht seinen Wollhandschuh aus und deutet auf Kratzspuren an einem Felsen. Eine der seltenen Raubkatzen, die auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion IUCN als „gefährdet“ eingestuft werden, muss hier gewesen sein.

Das Sanjiangyuan-Naturschutzgebiet ist das zweitgrößte der Erde und erstreckt sich über eine Fläche von rund 150.000 Quadratkilometern.

Die Männer, allesamt einheimische Hirten, die ihr ganzes Leben in der dünnen Höhenluft verbracht haben, sind heute ökologische Ranger im Auftrag der Regierung. Statt ihre Yakherden zu hüten, schützen sie die Wildnis ihrer Heimat. Unter Anleitung von Wissenschaftlern, wie dem renommierten Wildtierbiologen Dr. Dajun Wang von der Beijing-Universität, durchstreifen sie die schroffe Gebirgslandschaft, zählen Blauschafe – die wichtigste Beute der Raubkatzen –, dokumentieren Urinmarkierungen und Kot und liefern damit wertvolle Daten, die dann ausgewertet werden können.

„Geist der Berge“

Der Raubkatze selbst begegnen sie so gut wie nie. Deren grau-weißes Fell mit schwarzen Rosetten verschmilzt nahezu perfekt mit Felsen, Geröll und Schnee. Deshalb nennen sie den Schneeleoparden gerne „Geist der Berge“. Auch Dr. Wang verbringt oft Monate im Revier der Raubkatzen, ohne ein einziges Tier zu sehen. „Ich habe das Gefühl, dass nicht wir den Schneeleoparden beobachten, sondern er uns“, sagt er gegenüber der Tageszeitung China Daily. Meist verrät der Schneeleopard seine Anwesenheit erst Tage später – auf den Bildern von Kamerafallen.

In der Region Sanjiangyuan leben vermutlich rund 1000 Schneeleoparden. Weltweit sind es zwischen 4500 bis 7500 Individuen. Da die Raubkatzen scheu und gut getarnt sind, schwanken die Bestandsschätzungen.

Als führender Experte für Schneeleoparden forscht Dr. Wang in enger Abstimmung mit der Regierung. Für den chinesischen Naturschutz ist typisch, dass alle Fäden in Beijing zusammenlaufen. Der Staat investiert Milliarden in Forschung und Infrastruktur, weist Schutzgebiete aus, verabschiedet neue Gesetze oder Regeln. Was in demokratischen Ländern oft jahrelange Abstimmungsprozesse zwischen Politik, Wissenschaft, Verbänden und Anwohnern erfordert, wird in China zentral gesteuert und innerhalb kurzer Zeit (meist) ohne Mitspracherecht der betroffenen Bevölkerung umgesetzt.

Wo Nationalparks entstehen, müssen Hirten ihre traditionellen Weideflächen oder gar ihr Zuhause aufgeben und in staatlich organisierte Siedlungen umziehen. Entschädigungen gleichen die wirtschaftlichen Verluste nicht immer vollständig aus. Viele von ihnen erhalten zwar einen Job als Ranger und damit ein regelmäßiges Einkommen, doch das allein reicht kaum für den Lebensunterhalt. Gecho zum Beispiel arbeitet weiterhin als traditioneller Viehhirte und nimmt seit 2019 zusätzlich an einem Ökotourismus-Projekt teil. Dabei betreut er Naturbeobachter und Forscher, die in die Region kommen, um Schneeleoparden zu sehen.

Lange konzentrierte sich China auf den Schutz einzelner symbolträchtiger Arten wie des Großen Pandas und der Schneeleoparden. Dahinter steht die sogenannte Regenschirmtheorie: Wer den Lebensraum einer Leitart schützt, bewahrt gleichzeitig auch zahlreiche andere Tier- und Pflanzenarten. Forschende wie Dr. Wang weisen jedoch darauf hin, dass die individuellen Ansprüche vieler weniger bekannter Arten dabei nicht ausreichend berücksichtigt werden.

Ökosysteme im Fokus

Genau diese Erkenntnis trägt dazu bei, dass China seinen Naturschutz mit der Reform des Nationalparksystems im Jahr 2021 neu ausrichtet. Erstmals stehen nicht mehr ausgesuchte Tierarten im Mittelpunkt, sondern der Erhalt ganzer Ökosysteme. Den Anfang machten fünf riesige Schutzgebiete, von den Wäldern des „Northeast China Tiger and Leopard National Park“ an der Grenze zu Russland, über die Panda-Bambuswälder Sichuans bis zu den Quellgebieten von Jangtse, Gelbem Fluss und Mekong im Sanjiangyuan-Nationalpark. Die mehr als 230.000 Quadratkilometer entsprechen einer Fläche fast so groß wie das Vereinigte Königreich.

Anstatt einzelne Reservate zu verwalten, verbindet China ehemals voneinander getrennte Schutzgebiete zu großräumigen Landschaften. So entstehen zusammenhängende Lebensräume, in denen Tiere wandern und bislang isolierte Populationen sich wieder genetisch austauschen können. Dort, wo moderne Infrastruktur die Migration beeinträchtigt, investiert China Milliarden Yuan in Umweltmaßnahmen.

Die Qinghai-Tibet-Bahn führt über rund 2000 Kilometer von Xining nach Lhasa.

Die Qinghai-Tibet-Bahn durchquert beispielsweise das Hoh-Xil- und Sanjiangyuan-Gebiet. Hier befinden sich die Wanderrouten der Tschiru-Antilope. Jedes Frühjahr ziehen tausende trächtige Weibchen zu ihren traditionellen Geburtsplätzen, was die Bahntrasse eigentlich verhindern würde. Kilometerlange Streckenabschnitte auf Stelzen sorgen dafür, dass die Antilopen ihre jahrtausendealten Zugwege bis heute nutzen können.

Tschiru-Antilopen, auch Tibet-Antilopen genannt, leben auf dem tibetanischen Hochplateau. Waren es vor einhundert Jahren noch rund eine Million, ist ihr Bestand mittlerweile auf schätzungsweise 100.000 Exemplare gesunken.

Aber warum entscheidet sich China für eine derart kostspielige Investition zugunsten des Artenschutzes? Schließlich haftet dem Land bis heute das Image des größten Umweltverschmutzers der Welt an. Zu Recht: 2025 verbrauchte China rund 4,96 Milliarden Tonnen Kohle. Das ist mehr als die Hälfte der globalen, energiebedingten CO₂-Emissionen. Der rasante Aufstieg zur zweitgrößten Volkswirtschaft und zum größten Exporteur der Welt ging und geht außerdem mit Smog, verschmutzten Flüssen, Bodenbelastungen und der Zerstörung natürlicher Lebensräume Hand in Hand.

Grüne Energien versus schwarzer Kohlemeiler

Dass China heute Milliarden in erneuerbare Energien sowie Natur- und Artenschutz steckt, bedeutet nicht, dass die Ökologie plötzlich Vorrang vor wirtschaftlichem Wachstum und strategischen Interessen genießt. Dahinter steckt Kalkül. Nationalparks mit intakten Wäldern, spektakulären Berglandschaften und seltenen Tierarten werden zum Beispiel als Motor für einen wachsenden Natur- und Ökotourismus verstanden. Gleichzeitig wirken sie sich positiv auf das internationale Image aus. China möchte sich nicht länger nur als Industrie- und Exportmacht präsentieren, sondern zunehmend auch als modernes, grünes Reiseland.

Auch bei der Energiewende stehen wirtschaftliche Interessen im Vordergrund. China ist einerseits der größte Markt für Elektroautos, dominiert die weltweite Produktion von Solarmodulen und Batterien und baut Wind- und Solarenergie in einem Tempo aus wie kein anderes Land; andererseits hält es an dem klimaschädlichsten fossilen Energieträger, der Kohlekraft, fest. Obwohl erneuerbare Energien immer mehr Strom liefern, stoppt die Regierung den Kohleabbau nicht, sondern genehmigt weiterhin neue Kohlekraftwerke. 

Immerhin gibt es schwache Anzeichen einer Trendwende: Trotz weiter wachsender Wirtschaft stagnierten Chinas CO₂-Emissionen zuletzt weitgehend, 2025 gingen die energiebedingten Emissionen leicht zurück. Beim Thema Klimaneutralität pocht China, das stets seinen Status als Entwicklungsland betont, auf mehr Zeit: Während die EU bis 2050 klimaneutral sein will, visiert Peking CO₂-Neutralität erst bis 2060 an.

China baut die Windkraft zwar enorm aus, gleichzeitig gehen immer neue Kohlekraftwerke ans Netz.

Hightech für den Naturschutz

Wo China in den Naturschutz investiert, geschieht dies mit demselben technologischen Ehrgeiz, der auch den wirtschaftlichen Aufstieg des Landes prägt. Künstliche Intelligenz, Digitalisierung und modernste Überwachungstechnologie gelten als Schlüssel zum Erfolg. Ein Hightech-Monitoringsystem dokumentiert Wildtiere wie die Schneeleoparden selbst in den entlegensten Gebirgsregionen. Drohnen überfliegen schwer zugängliche Gebiete, Satelliten erfassen Veränderungen der Vegetation und helfen dabei, illegale Eingriffe zu erkennen.

Für neue Maßstäbe sorgt der Einsatz von Künstlicher Intelligenz zur Identifikation einzelner Individuen. Sie identifiziert Schneeleoparden anhand ihrer Rosetten, Amur-Tiger anhand ihrer Streifenmuster und Große Pandas anhand ihrer Gesichter. Was früher wochenlange Bildvergleiche erforderte, erledigt die Software heute in wenigen Minuten und liefert den Forschenden wertvolle Erkenntnisse über Wanderungen, Reviere und den Erfolg der Schutzprogramme.

Eine wichtige Rolle spielen neben den modernen technischen Möglichkeiten nach wie vor einheimische Rangerinnen und Ranger wie Gecho. Kaum jemand kennt die landschaftlichen Gegebenheiten, ihre Tiere und Menschen besser als sie. Mit unglaublicher körperlicher Ausdauer durchstreifen sie zu Fuß, zu Pferd oder mit dem Motorrad die Schutzgebiete, kontrollieren Kamerafallen, entfernen Schlingfallen von Wilderern und dokumentieren Wildtierspuren. Gleichzeitig werben sie in den Dörfern für den Naturschutz. Dank ihrer tiefen Verwurzelung in der Kultur gelingt es ihnen meist, Mensch-Wildtier-Konflikte mit viel Fingerspitzengefühl zu entschärfen.

Als gläubige Buddhisten empfinden sie es als ihre Pflicht, sich im Naturschutz zu engagieren. „Der Glaube vieler Menschen auf dem Tibetischen Hochland ist von tiefem Respekt vor allen Lebewesen geprägt“, betont Dr. Wang gegenüber Daily China. „Wo die Ressourcen knapp sind, haben Menschen und Tiere gelernt, mit dem auszukommen, was die Natur ihnen schenkt und im Einklang miteinander zu leben.“

Filmtipp:

Born in China, ein bildgewaltiger Naturfilm von Disneynature, entführt die Zuschauer in die abgelegenen Landschaften Chinas und begleitet drei Tierfamilien: eine Panda-Mutter mit ihrem Jungen, eine Schneeleopardin mit ihren beiden Jungtieren sowie eine Familie von Goldstumpfnasenaffen. Atemberaubende Aufnahmen zeigen die Schönheit ihrer Lebensräume und die Herausforderungen ihres Überlebens. Disney, 2016.