Das Erbe der „freien Menschen“
Die indigene Bevölkerung Marokkos, in Europa als „Berber“ bekannt, verteidigt ihre Kultur gegen alle Widerstände, um sie für zukünftige Generationen zu bewahren.
Halim Sbai sitzt zusammen mit den Dorfältesten auf roten Teppichen unter einer Dattelpalme. Auf einem Silbertablett stehen Gläser mit dampfendem Minztee. Der Schatten ist spärlich, denn die meisten Palmwedel sind wegen des extremen Wassermangels verdorrt. Genau dieses Problem diskutieren die Männer. „Der Sand breitet sich immer mehr aus, bedeckt unsere Gärten und dringt in unsere Häuser ein“, klagt einer von ihnen. Und ein anderer: „Die Palmen bekommen zu wenig Wasser und sterben. Ich glaube nicht, dass unser Dorf eine Zukunft hat.“

Mit „unserem Dorf“ ist die einst blühende Oase M’Hamid El Ghizlane gemeint, die im Südosten Marokkos im Draa-Tal liegt. Während im Winter 2025/26 Starkregen den Norden des Landes überschwemmte, habe es hier seit 2019 praktisch nicht mehr geregnet, erzählt Sbai. Die dramatische Entwicklung der Oase hat der Sozialunternehmer und Naturführer hautnah miterlebt. „Dürren kamen bisher zyklisch. In der Vergangenheit konnten wir uns darauf verlassen, dass es immer wieder geregnet hat.“ Dann hat der Draa, Marokkos längster Fluss, Wasser geführt. Doch durch den Klimawandel häufen sich heftige Sandstürme, und es wird immer heißer und trockener. „Hinzu kommt der Bau des Mansour-Eddahbi-Staudamms bei Ouarzazate“, führt er weiter aus, „seitdem ist das Flussbett meist trocken.“

Oase unter Druck
Die Bewohner der Oase sind hauptsächlich auf Grundwasser angewiesen, das allerdings Jahr für Jahr sinkt und zunehmend versalzt. Die Auswirkungen sind verheerend. In einer gesunden Oase stehen die Palmen dicht an dicht, haben ausladende Kronen, die Granatapfel-, Aprikosen-, Pfirsich- und Olivenbäumen Schatten spenden. In deren Schatten wiederum gedeihen Bohnen, Weizen und Gerste. Alle Pflanzen leben in perfekter Symbiose, aber nur, solange die Dattelpalmen gedeihen. Halim Sbai streift regelmäßig durch den Teil der Oase, in dem einst sein Vater Dattelpalmen angepflanzt hatte. „Unsere Familie konnte früher sehr gut von der reichen Ernte der Datteln leben, die wir bis nach Marrakesch verkauft haben“, erzählt er. „Jetzt ist es wie ein riesiger Friedhof hier.“

Vereinzelt ragen verdorrte Stämme aus dem Boden, die meisten von ihnen ohne einen einzigen ihrer fächerartigen Palmwedel und ohne die kostbaren Früchte. Ein Bekannter von ihm fällt einen kahlen Stamm, um daraus Möbel zu bauen. „Indem wir das Holz verwerten, erweisen wir den Palmen so etwas wie die letzte Ehre“, meint Sbai. Weil von dem einstigen Paradies in der Wüste kaum noch etwas übrig ist, versuchen vor allem junge Leute und Familien, sich wegen der schwierigen Lebensumstände eine Existenz in den Städten aufzubauen. Die Einwohnerzahl der Oase M’Hamid El Ghizlane schrumpft kontinuierlich. Vor etwa zehn Jahren waren es rund 12.000 Einwohner, heute sind es noch schätzungsweise 7500 Personen.
Die Kultur der Amazigh
„Die Geschichte der Sahara ist geprägt von Begegnungen, Migrationen und kulturellem Austausch“, sagt Sbai. „Die meisten Menschen, die in unserer Oase leben und lebten, teilen mehrere kulturelle Wurzeln, stammen von Amazigh und Arabern ab. Die Grenzen der Identität sind weniger starr, als man vielleicht annehmen würde.“ Aber wer sind eigentlich die „Amazigh“? In Europa sind sie als „Berber“ bekannt. Ein Begriff, den der 56-Jährige nicht so gerne hört: „Wer unsere Sprache, Kultur und uns als Volk respektiert, sollte uns so nennen, wie wir es selbst tun“, meint er. Denn „Berber“ bedeutete im antiken Griechenland und im Römischen Reich „Barbar“. Später übernahmen die europäischen Kolonialmächte den Begriff und benannten damit die indigenen Völker Nordafrikas. „Es handelt sich um eine Fremdbezeichnung, die stereotype, negative Assoziationen birgt“, führt Sbai weiter aus. „Wir bevorzugen daher den Begriff ‚Amazigh‘, was ‚freier Mensch‘ bedeutet.“

Allerdings sind viele von ihnen nicht so frei, wie sie es gerne wären. Nachdem Marokko 1956 seine Unabhängigkeit erlangte, betrieb der Staat eine starke Arabisierungspolitik. Medien, Verwaltung und Alltag waren arabisch dominiert, die Geschichte der indigenen Marokkaner und ihre Sprache Tamazight fehlten im Schulunterricht, ihre Traditionen und Feste wurden als rückständig diffamiert. Protestbewegungen für mehr Mitspracherecht und Gleichstellung ließ vor allem König Hassan II. (Herrschaft von 1961–1999) gewaltsam niederschlagen.
Erst als sein Sohn Mohammed VI. an die Macht kommt und 2001 das Königliche Institut für Amazigh-Kultur (IRCAM) gründet, wird die indigene Bevölkerung nach und nach als Teil der marokkanischen Gesellschaft anerkannt. 2011 gibt es unter dem Druck des Arabischen Frühlings weitere Reformen. Die wichtigste: Tamazight wird in der Verfassung neben Arabisch offizielle Amtssprache. Dennoch wirft der Weltkongress der Amazigh (Congrès Mondial Amazigh CMA) der marokkanischen Regierung in einer Pressemitteilung vor, „die Identität der Amazigh als folkloristischen Deckmantel zu missbrauchen“ und immer noch „einen gefährlichen Rassismus gegen die Amazigh-Gemeinschaft“ zu betreiben.
Halim Sbai findet das übertrieben. „Die Anerkennung von Tamazight als Amtssprache war der bedeutende Schritt in die richtige Richtung. Klar, es besteht weiterhin eine Diskrepanz zwischen den rechtlichen Bestimmungen und der konkreten Umsetzung“, fügt er hinzu, „aber grundsätzlich entwickelt sich die Situation aus meiner Sicht positiv, auch wenn insbesondere in ländlichen Gebieten die Reformen noch hinterherhinken.“
Der Hochzeitsmarkt von Imilchil
Allerdings gelingt es den Betroffenen gerade in diesen ländlichen Gebieten, ihre Traditionen zu bewahren. Bestes Beispiel ist der Hochzeitsmarkt in Imilchil, der alljährlich im September stattfindet, und das schon seit mehreren Jahrhunderten. Vor allem Angehörige des Stammes der Aït Haddidou kamen und kommen in das Dorf im Hohen Atlas, um ihren Schutzheiligen zu ehren, aber auch um Handel zu treiben, soziale Beziehungen zu pflegen – und Ehen zu schließen.

Tiziri ist Mitte zwanzig, ihren genauen Geburtstag kennt sie nicht. Sie lebt in einem kleinen Dorf, eine gute Stunde Fußmarsch von Imilchil entfernt. Weil sie sich um den Haushalt und ihre vielen jüngeren Geschwister kümmern muss, hat es bisher mit einer eigenen Familie nicht geklappt. Ihre Familie brauche sie eben, sagt sie achselzuckend. Lesen und Schreiben hat sie nicht gelernt, wie die meisten Frauen um sie herum. Zwar ist die Analphabetenquote der Erwachsenen in den letzten zehn Jahren von ca. 32 Prozent auf heute etwa 25 Prozent zurückgegangen, doch in ländlichen Regionen kann immer noch die Hälfte der Menschen weder lesen noch schreiben.
Ihren zukünftigen Ehemann Amir traf Tiziri vor ein paar Monaten auf einem Fest, und nach einigem Hin und Her haben beide Familien der Hochzeit zugestimmt. Die Motive, zu heiraten, sind bei ihr und ihrem Bräutigam eher praktisch als romantisch. Und wenn es mit der Ehe nicht gut laufen sollte: Scheidungen sind übrigens durchaus üblich. Weder die geschiedene Ehefrau noch der geschiedene Ehemann haben dadurch einen Makel. Frauen dürfen sich nach einer Scheidung einen neuen Mann aussuchen – und müssen dann nicht einmal mehr die Familie um Erlaubnis fragen.
Mehr Unabhängigkeit dank Arganöl
Von der Erlaubnis ihrer Väter, Brüder oder Ehemänner sind dagegen immer noch viele Frauen abhängig, wenn sie arbeiten wollen. In einem Dorf zwischen Essaouira und Agadir lebt Dihya mit ihrem Mann und ihren beiden Töchtern. In dieser Region – und sonst nirgends auf der Welt – wachsen Arganbäume. Von einer Bekannten hört Dihya, dass sogenannte Arganöl-Kooperativen Frauen suchen, die das kostbare Öl traditionell herstellen können.


Die Blätter und Früchte der Arganbäume sind bei Ziegen sehr beliebt. Da werden die Tiere sogar zu Kletterkünstlern.
Bis dahin hat Dihya das ausschließlich für den Eigenbedarf gemacht. Wie das Trocknen der Früchte, das mühsame Aufbrechen der harten Schalen mit Hilfe eines polierten Steines und das stundenlange Vermahlen zu einer Paste, aus der schließlich das Öl gepresst wird, funktioniert, hat die 35-Jährige von ihrer Mutter und ihrer Großmutter gelernt. Das mündliche Weitergeben dieses Wissens ist seit dem 13. Jahrhundert ausschließlich Sache der indigenen Frauen.
Mit ihrer Arbeit verdient sie inzwischen mehr Geld als ihr Mann und kann damit die Schuluniformen und -materialien der zwei Kinder finanzieren. Außerdem kommt regelmäßig eine Lehrerin in die Kooperative und unterrichtet die Frauen. Mit deren Hilfe übt Dihya fleißig lesen und schreiben. Denn auch sie war Analphabetin.
Um die uralte Arganöl-Tradition zu bewahren und die Zukunft zu sichern, ziehen die Frauen der Kooperative Arganien in einer Baumschule groß. Obwohl der Arganbaum äußerste Trockenheit und selbst extreme Temperaturen um die 50 Grad Celsius übersteht, bedroht die Dürre auch ihn – und damit die Unabhängigkeit der Frauen, die keine von ihnen mehr missen möchte.
"Wurzeln der Sahara"
Auch Halim Sbai liegen die Traditionen seines Volkes am Herzen. Um sie zu bewahren, hat er die Organisation „Joudour Sahara“ gegründet – zu Deutsch: „Wurzeln der Sahara“. Deren Sitz befindet sich in einem Café im Zentrum von M’Hamid El Ghizlane. Hier treffen sich regelmäßig Kinder der Oasenstadt, um Lieder sowie jahrhundertealte Gedichte zu üben, die mündlich von Generation zu Generation weitergegeben wurden. „Joudour Sahara soll unsere Kultur vor dem Verschwinden bewahren. Der Verein setzt sich für das Erbe der Oasen, für die Weitergabe von Wissen durch Musik, für Umweltbewusstsein und verantwortungsvollen Tourismus ein.“

Der Tourismus sichere die Existenz vieler Familien, die früher vom Handel mit Datteln lebten, sagt er. Zum Glück sind die Dünen des Erg Chigaga von der Oase aus gut mit dem Geländewagen erreichbar, denn sie gelten als beliebte Attraktion. Sbai begleitet Gäste aus aller Welt in die Wüste und erklärt ihnen das fragile Ökosystem und wie sich sein Volk seit Jahrhunderten an die extremen Bedingungen anpasst. „Damit die saharischen Gemeinschaften im Draa-Tal weiterhin würdevoll auf ihrem Land leben können, müssen wir allerdings die Zahl der Besucher konsequent regulieren. Nur wenn wir mit den geringen Wasserressourcen, die wir noch haben, verantwortungsvoll umgehen, kann unsere Oase überleben.“