Auf dem Weg zur Weltmetropole?
Rabat, trotz Hauptstadtstatus im Schatten von Marrakesch und Casablanca, erfindet sich neu: als kulturelle Metropole, architektonisches Statement und als Smart-City mit globalem Anspruch.
Die Straßenbahn gleitet über die Hassan-II.-Brücke, die den Bouregreg überspannt. Youssef fährt diese Strecke oft, die Rabat mit der Schwesterstadt Salé verbindet. An der Haltestelle am Flussufer steigt der 23-jährige Architekturstudent aus und geht ein paar Schritte, bis der Blick auf den markanten Mohammed-VI-Turm und das Grand Théâtre perfekt ist.
Der futuristische Wolkenkratzer, dessen Form an eine startende Rakete erinnert, zählt mit rund 250 Metern Höhe zu den höchsten Gebäuden Afrikas. Die geschwungene Fassade des Theaters aus weißem Beton und Glas, die die Stararchitektin Zaha Hadid entworfen hat, spiegelt sich im Wasser des Flusses. „Mit diesen beiden Bauwerken“, sagt Youssef begeistert, „hat Rabat architektonisch den Sprung in die Gegenwart geschafft.“
Leuchtturmprojekte
Während in den 55 Stockwerken des Wolkenkratzers das Luxushotel Waldorf Astoria, Büros und Apartments untergebracht sind, bietet das Theater rund 1800 Sitzplätze sowie ein offenes Amphitheater für bis zu 7000 Zuschauer. Damit ist es eines der größten Afrikas. Nach langjähriger Planung begannen die Bauarbeiten 2014 und wurden 2021 abgeschlossen. Lalla Hasna, die jüngste Schwester des Königs, weihte das Gebäude im Beisein von Frankreichs First Lady Brigitte Macron im Oktober 2024 ein. „Die fließende Architektur des Theaters ist vom Bouregreg inspiriert“, erklärt Youssef. „Fantastisch, wie sie sich an die Umgebung anpasst, oder?“

Der Mohammed-VI-Turm und das Grand Théâtre sind nur zwei Bausteine im ehrgeizigen Stadtentwicklungsplan „Rabat, Stadt des Lichts, marokkanische Kulturhauptstadt“ („Rabat, Ville Lumière, Capitale Marocaine de la Culture“), den König Mohammed VI., von den Marokkanern übrigens meist nur "M6" genannt, 2014 ins Leben gerufen hat.
Mit diesem Programm soll die Hauptstadt ihr Image als reine Verwaltungsstadt ablegen und sich als internationale Kulturmetropole und touristische Topdestination positionieren. Bürgermeisterin Fatiha El Moudni spricht gegenüber dem Online-Nachrichtenportal H24Info.ma von einem „Vorzeigeprojekt, das sich dem Erhalt des marokkanischen und des kulturellen Erbes von Rabat widmet und gleichzeitig globale Herausforderungen wie den Klimawandel und die rasante Urbanisierung angeht.“
Grünes Rabat
Hinter dem Plan stehen milliardenschwere Investitionen, unter anderem in die weitere Begrünung der Stadt. Mit rund 20 Quadratmetern öffentlicher Grünfläche pro Einwohner verfügt sie sowieso schon über doppelt so viel Natur, wie von der Weltgesundheitsorganisation empfohlen wird. Mehr als 230 Hektar Grünanlagen, darunter Parks und der Küstenstreifen, prägen bereits das Stadtbild. Dennoch sollen Fassaden in den nächsten Jahren vertikal begrünt und ganze Stadtviertel, wie zum Beispiel Gharbia im Océan-District, zugunsten von mehr Grün umgestaltet werden.

Mit den Begrünungsmaßnahmen hoffen die Behörden, Wasserknappheit und die durch den Klimawandel steigenden Temperaturen erfolgreich zu bekämpfen sowie die Luft- und Lebensqualität zu erhöhen.
Ein Hochgeschwindigkeitszug für die Hauptstadt
Im Rahmen der städtebaulichen Transformation wird auch die Verkehrsinfrastruktur kontinuierlich verbessert, um die wachsende Metropole für die Zukunft fit zu machen. Zu den wichtigsten Maßnahmen zählt die Modernisierung des Bahnhofs Rabat-Agdal, die es dem Hochgeschwindigkeitszug Al Boraq ermöglicht, die Station anzufahren. Seit der Inbetriebnahme von Al Boraq im November 2018 ist Rabat-Agdal einer der wichtigsten Knotenpunkte der Strecke Tanger – Kénitra – Rabat – Casablanca.

Neue Hauptverkehrsachsen und Umgehungsstraßen entlasten den innerstädtischen Verkehr, der Oudayas-Tunnel reduziert Staus rund um die historische Medina. Er verbindet Stadtviertel auf beiden Seiten der Altstadt und führt den Durchgangsverkehr unter dem alten Stadtareal hindurch. Tiefgaragen unter zentralen Plätzen entschärfen die Parksituation in den stark frequentierten Bezirken und schaffen Platz für Fußgänger und Radfahrer. Die Straßenbahn Rabat – Salé verbindet die beiden Städte über den Bouregreg hinweg und erleichtert täglich zehntausenden Pendlern den Weg zur Arbeit, zur Universität oder ins Zentrum. Sie entlastet den Autoverkehr und reduziert Emissionen.
All dies hat Rabat eine Platzierung im IMD Smart City Index (International Institute for Management Development, Lausanne) beschert, wo es als eine der fortschrittlichsten Städte Afrikas aufgeführt wird. „Mit der Ernennung Rabats zur Smart City bekennen wir uns zur Nachhaltigkeit“, sagt Bürgermeisterin Fatiha El Moudni in einem Interview mit H24Info.ma. „Dazu gehören auch die Nutzung und der Ausbau erneuerbarer Energien sowie die Wiederverwendung von Abwasser zur Bewässerung städtischer Grünflächen. Beispielsweise werden 98 Prozent unserer Grünflächen mit aufbereitetem Wasser bewässert. Wir erwägen außerdem eine Meerwasserentsalzung, um unsere Wasserunabhängigkeit zu erhöhen. Mit diesen Initiativen positioniert sich Rabat im Einklang mit der Vision Seiner Majestät König Mohammed VI., um mit den führenden Hauptstädten der Welt zu konkurrieren.“
Umstrittene Großprojekte
Nicht alle betrachten Rabats Transformation ausschließlich als Erfolgsgeschichte. Kritiker sprechen von einem „Top-down-Urbanismus“, bei dem die wichtigen, strategischen Entscheidungen ausschließlich vom König getroffen und anschließend von ausgewählten Unternehmen im Auftrag des Palastes umgesetzt werden. Lokale Gremien haben weder Mitsprache- noch Einspruchsrecht. „‘M6‘ ist der erste Geschäftsmann und oberste Investor des Landes. Staatliche und persönliche Interessen vermischen sich“, schreibt das Online-Magazin Qantara.de. „Über seine Unternehmensgruppe Al Mada verfügt er über Anteile an Unternehmen in allen wichtigen Branchen.“ Für das Großprojekt „Al Boraq“ habe es zum Beispiel keine transparenten Ausschreibungen gegeben, stattdessen hätten dem Palast nahestehende Unternehmer den Zuschlag erhalten.
Youssefs Freunde, die dieses System der Vetternwirtschaft anprangern, halten seine Begeisterung über die „tolle moderne Architektur“ für naiv. Allein die Baukosten für das Grand Théâtre hätten geschätzte zwei Milliarden MAD (ca. 185 Millionen Euro) verschlungen. „Das Geld sollten sie besser in unser marodes Gesundheits- und Bildungssystem investieren!“, schimpft sein Kommilitone Malik. Wütend ist er auch über die Enteignungen, die angeblich im Sinne der Bürger durchgeführt werden. Die Bürgermeisterin verteidigt sie als zentrales Element des Modernisierungsplans der Hauptstadt. Die Maßnahmen betreffen alle fünf Bezirke der Stadt und zielen darauf ab, Grünflächen zu schaffen, Straßen zu erweitern, Verkehrsengpässe zu beseitigen und die Mobilität auf den Hauptverkehrsadern zu verbessern. Die Enteignungen seien im öffentlichen Interesse und würden unter voller Einhaltung der geltenden gesetzlichen Bestimmungen erfolgen.
Dieser Darstellung widerspricht Omar El Hyani, der im Gemeinderat von Rabat für die Föderation der Demokratischen Linken (FGD) sitzt, vehement.

Er prangert Einschüchterungstaktiken der Behörden an und beschreibt, dass Bulldozer anrücken, bevor alle Formalitäten für eine ordnungsgemäße Enteignung geklärt sind. „Enteignungen müssen auf Grundlage eines Dekrets für öffentliche Zwecke erfolgen“, betont er gegenüber dem Online-Nachrichtenportal Yabilabi, das sich durch unabhängige Berichterstattung auszeichnet. „Sei es für eine Straße, ein Krankenhaus oder eine Schule. Ohne dieses Dekret können die Behörden die Bewohner nicht rechtmäßig aus ihren Häusern vertreiben, zumal Privateigentum durch die Verfassung geschützt ist.“
Rabat – „Best of the world”
Trotz aller Kritik der Anwohner und Opposition im Stadtrat – das Projekt „Rabat, Stadt des Lichts“ trägt international bereits Früchte. 2024 erhält Rabat den UN-Habitat-Ehrenpreis. UN-Habitat ist von der UN-Vollversammlung beauftragt, sozial und ökologisch nachhaltige Städte und Gemeinden zu fördern. „Die Auszeichnung erfüllt unseren Stadtrat, die Einwohner und das gesamte Königreich mit großem Stolz“, sagt Bürgermeisterin Fatiha El Moudni H24Info.ma.
Eine weitere Auszeichnung erhält die marokkanische Hauptstadt von der UNESCO, die sie zur „Welthauptstadt des Buches 2026“ ernennt. Mit dem Titel würdigt die Organisation Rabats Kampf gegen Analphabetismus und das Engagement für Leseförderung, kulturelle Vielfalt und freien Zugang zu Wissen.

Und dann ist da noch die Fußball-Weltmeisterschaft 2030, die Marokko gemeinsam mit Spanien und Portugal ausrichten wird. Da Rabat zu den offiziellen Spielorten einiger WM-Partien gehört, wurde das Prince Moulay Abdellah Stadium mit rund 68.700 Zuschauerplätzen neu errichtet und bereits im September 2025 anlässlich des Africa Cups of Nations eröffnet.

Als perfekte Gastgeberin will sich Rabat auch gegenüber Touristen aus aller Welt präsentieren, besonders seitdem die Stadt laut der Zeitschrift National Geographic zu den „Best of the World“ zählt. Redakteure, Fotografinnen und Explorer des Magazins haben die marokkanische Hauptstadt unter die 25 Top-Reiseziele für 2026 gewählt. Großartige Beispiele islamischer Architektur, bedeutende Bauwerke im Stil des Art déco, die während des französischen Protektorats entstanden sind, haben ebenso den Ausschlag gegeben wie Rabats gelungener Sprung in die Moderne mit dem Mohammed-VI-Tower und dem Grand Théâtre.
Youssef postiert sich mit Zeichenblock und Bleistift am Ufer des Bourregreg, um eine Skizze von Zaha Hadids spektakulärem Bauwerk anzufertigen. „Im Moment muss ich mich mit der Außenansicht begnügen, denn rein kann man nicht“, meint er ein wenig frustriert. „Das Theater ist zwar fertiggestellt, aber mehrere geplante Eröffnungen wurden immer wieder verschoben.“ Warum das so ist, darüber geben weder die Stadtverwaltung noch das Kulturministerium noch National Geographic Auskunft. Manche Medien munkeln, es fehle an Personal, Technikern und einem tragfähigen Betriebskonzept. Andere vermuten, das Theater sei gar nicht für den Kulturbetrieb, sondern als monumentales Aushängeschild für die Hauptstadt gebaut worden. Ob und wann es eröffnet wird? Youssef zuckt mit den Achseln: „Keine Ahnung. Das weiß vermutlich nur der König.“