Sardinien umrunden: Unterwegs auf der Insel, die täglich ihr Gesicht wechselt
Zwischen Granit, Himmel und Meer schleicht er sich ein: der Traum, Turmherrin auf Sardinien zu werden. Mehr als hundert steinerne Wächter reihen sich entlang der Küste – natürlich immer mit dem besten Panoramablick auf türkisblaues Wasser. Unter uns liegt der Capo Spartivento, der südlichste Punkt der Insel mit Leuchtturm von 1866, der vor wenigen Jahren restauriert und als Hotel eröffnet wurde. Das Exemplar, vor dem wir stehen, wartet mit eingestürztem Dach noch auf einen neuen Besitzer.
Der Weg hinauf war steil und schmal, die Konzentration meist auf den Füßen. Trotzdem bleibt alles entspannt: Denn Lisa Dell, unsere Reiseleiterin, hat schon am ersten Tag der zweiwöchigen Inselumrundung einen Rhythmus gefunden, dem alle sieben Mitwanderer gut folgen können. „Vergesst nicht, ab und zu den Kopf zu heben“, ermahnt sie lachend. Und das lohnt sich: Aus den verwitterten Felsen schaut ein hohläugiger Drachenkopf herab. Oder eine riesige Granitkugel balanciert am Abgrund – als könnte ein kleiner Anstoß genügen und sie rollt in die Bucht, in der wir gerade noch schwimmen waren.
Oben auf der Anhöhe reicht die Sicht weit über die Küste: nach Osten zu den weißen, fast karibischen Stränden von Chia. Nach Westen zu stark zerklüfteten Abschnitten. Eine Art Vorschau auf das Kontrastprogramm, das uns mit Hauser Exkursionen erwartet: Die meisten Tageswanderungen dauern samt Picknick- und Badepausen vier bis sechs Stunden, führen über Felspartien, Kies oder Sand. Man muss trittsicher sein, aber kein Leistungssportler. Abends spüren wir die Beine, sind aber nicht an unsere Grenzen gelangt.
Rostrote Felsen und der Duft der Macchia
In der Bucht von Portu Banda wirft sich das Meer gegen eine Küste aus rötlichem, fast violettem Stein. Beim Aufstieg kratzt die „Macchia“ an den Beinen – der mediterrane Mix aus Sträuchern und Kräutern, die der Trockenheit trotzen. Dazu gehört auch der Mastix: „Als es wenig Oliven gab, hat man seine Beeren als Ölersatz ausgepresst“, erklärt Lisa. Sie zupft einen Zweig ab und reibt ihn zwischen den Fingern. „Riecht ihr das?“ Herb und harzig ist dieser Duft, der noch lange an der Haut kleben bleibt.
In der Ferne leuchtet der „Pan di Zucchero“, der Zuckerhut, schneeweiß im Mittagslicht – ein einzelner Kalkfelsen im Wasser. Schritt für Schritt rückt er näher. Lisa geht mit gleichmäßigem Tempo voran. „Seit ich laufen kann, habe ich einen Rucksack auf dem Rücken“, erzählt sie. Inzwischen lebt und arbeitet die gebürtige Wuppertalerin schon fast vierzig Jahre lang auf der Insel. Jeden Stein scheint sie einzeln zu kennen und jede Stelle, die rutschig werden könnte. Anders als in Österreich oder der Schweiz gibt es kaum ausgeschilderte Wanderrouten auf Sardinien. Einige aus der Gruppe haben sich genau deswegen für eine geführte Reise entschieden.
In der nächsten Bucht liegen bunte Fischerboote am Strand, und zwischen ihnen steht – wie eine Fata Morgana – ein Fiat Panda. Grau-braun wie die Felsen und rundherum nur Schotter. „Ein Panda kommt überall hin", kommentiert Lisa. Es ist ungefähr der zwanzigste – wobei nur die kastigen, mindestens 30 Jahre alten Exemplare gelten. Am Capo Spartivento hat das Panda-Zähl-Spiel begonnen, bei dem alle mit Enthusiasmus dabei sind. Anfangs ahnte noch keiner, dass man ihnen überall begegnet. Als wären sie die heimlichen Wappentiere der Insel.
Offiziell sind das allerdings die Schafe, von denen es über drei Millionen auf Sardinien gibt. Und gefühlt ähnlich viele Variationen von Käse: cremiger Ricotta, Pecorino in verschiedenen Reifegraden zum Brot oder über Pasta gerieben. Dazu wird Cannonau serviert, ein kräftiger lokaler Rotwein. Unsere Unterkunft im Süden der Insel ist ein familiengeführter Bauernhof, ein landestypisches Agriturismo: Dort kommt nur auf den Tisch, was Hof und Umgebung hergeben – ein Konzept, das uns auf der gesamten Reise begleiten wird. Abends sitzen alle beisammen, während Schüsseln, Teller und immer lebendiger werdende Gespräche die Runde machen.
Wo das Meeresrauschen die Gedanken übertönt
„Wenn das Rauschen des Meeres das deiner Gedanken übertönt, bist du am richtigen Ort“, steht auf einem Wegweiser aus Treibholz geschrieben. Das trifft die Philosophie der Reise genau. Wir entdecken sie bei einer Kap-Umrundung auf der Sinis-Halbinsel, wo der Mistral, ein frischer Wind aus Frankreich, die Brandung kräftig verstärkt. Die Worte wirken lang – und lautstark – nach.
Entlang der Westküste wird die Szenerie immer dramatischer. In der Nähe des Städtchens Bosa geht es zum historischen Turm Torre Argentina, umgeben von ausgespülten Becken und Kratern, die an eine Mondlandschaft erinnern. Bosa selbst liegt am Hang über dem Fluss Temo. Von unten wirken die Häuser wie übereinandergestapelt – ein Mosaik aus allen Tönen von Himbeerrot bis Zitronengelb. Vespas surren durch die Gassen und die Gelaterias scheinen die Farben des Ortes in Waffeln zu verkaufen.
In den Straßen von Bosa.
Ein Stück nördlicher fühlt es sich an, als käme man ans Ende der Welt. Dabei endet nur die Straße und wir machen einen Zeitsprung in die Sechzigerjahre. Verlassen an einer schroffen Küste liegt Argentiera – benannt nach dem Silber („argento“) im Bleierz, das bis 1963 gefördert wurde. Geblieben sind verfallende Zeugen der Industriearchitektur und zwei Bars zwischen den Geisterhäusern.
Oberhalb der Siedlung verläuft die Via Bellavista, eine breite, bequem zu gehende Piste. „Panda“, ruft jemand aus der Gruppe. Dort wo der Weg einmal mehr abrupt abbricht, steht ein rostiger Zeitzeuge. Ab da schlängeln sich schmale, teils kaum erkennbare Pfade durchs Gelände. Steil abwärts wechselt sich mit steil nach oben ab, bis wir eine parallel zur Küste verlaufende Felsrippe erreichen.
Die folgende Gratwanderung ist das Highlight der Tour: Tief eingeschnittene Fjorde und grüne Bergrücken, die sich mit atemberaubender Fernwirkung hintereinander staffeln, erinnern an die raue Schönheit von Schottland. Der Weg führt von Gipfel zu Gipfel: „Nur noch der da vorne“, wirft jemand halb im Scherz ein. Aber natürlich wartet dahinter der nächste und es geht ein Lachen durch die Runde. Als sich leichte Erschöpfung meldet, bringt Lisa die Aussicht auf einen Picknickplatz ins Spiel. Die gemeinsamen Pausen sind inzwischen ebenso zum Ritual geworden wie der tägliche Einkauf dafür. Brot, Käse, Oliven wandern morgens in den Rucksack, der mittags wie eine Schatztruhe geöffnet wird.
Wilder Norden: Der große Auftritt des Mistral
Im Norden der Insel macht der Mistral am nächsten Tag ernst, als wollte er Sardinien noch einmal neu formen. Am Strand vor Isola Rossa stürzen sich Surfer in meterhohe Wellen – für uns wird es der erste Tag ohne Badestopp. Der Wanderpfad zieht sich knapp oberhalb des Meeresspiegels entlang und macht das Tosen, Schäumen und Spritzen aus der Nähe erfahrbar. Großes Farb-Drama inklusive: Türkis, Blau und weiße Gischt leuchten gegen strahlend-rote Felsen an.
Was Wind und Wasser seit Jahrtausenden modellieren, findet am Capo Testa seinen Höhepunkt: Steingewordene Elefanten, Drachen und Adler – je nach Fantasie – posieren für Urlaubsfotos.
Im Vergleich zu einsameren Gegenden ist die Halbinsel ein touristisch gut erschlossenes Ziel, auch durch die exponierte Lage am nördlichsten Punkt Sardiniens. Von hier aus scheint das zwölf Kilometer entfernte Korsika zum Greifen nah.
Ebenfalls nicht weit weg: die legendäre Costa Smeralda, die in den 1960er-Jahren von Prinz Karim Aga Khan mit Yachthäfen und luxuriösen Ferienanlagen ausgestattet wurde. Dass Sardinien ansonsten in weiten Teilen aussieht, als hätte es noch nie einen Investor gesehen, hat mit einem besonderen Charakterzug der Einheimischen zu tun: Sie lassen sich nichts nehmen, was hier verwurzelt ist. Das zeigt sich auch im Umgang mit der Natur – etwa in Schutzgebieten wie Biderosa, wo 25 Kilometer Strand, dahinter Wald und Lagunen so unberührt bleiben, als würden die Kormorane persönlich darüber wachen.
Am Rand der Welt – hoch über dem Golf von Orosei
An anderen Stellen ist es schlicht die Geologie, die eine Bebauung der Küste unmöglich macht. Am Golf von Orosei ragen die Klippen so steil auf, dass man die Buchten nur vom Wasser aus oder zu Fuß erreicht. Es fühlt sich an wie gestrandet, frühmorgens an der einsamen Cala Sisine aus einem Boot zu steigen, umringt von 600 Meter hohen Kalkwänden. Es gibt also nur eine Richtung: in Serpentinen steil aufwärts. An einigen Stellen scheint es sich der räumlichen Logik völlig zu entziehen, wie man hierhin gelangt ist und wieder wegkommt. „Auf den Wegen der Hirten“, klärt Lisa ganz prosaisch auf. Mit ihren Ziegen zogen die Männer im Sommer monatelang über die Felshänge. Ihre runden Steinhütten mit spitz zulaufenden Dächern aus Holzstämmen erzählen noch aus früheren Zeiten.
Zurück in Cala Gonone baden die Bergspitzen schon im goldenen Restlicht des Tages. Auf dem Balkon im Hotel trocknen Schwimmsachen und Wanderschuhe. Der Mond steigt aus dem Meer und wenige Stunden später, als der Wecker klingelt, auch die Sonne. Vor uns liegt die Panoramastraße SS 125, die nach Süden eine spektakuläre Gebirgslandschaft durchquert. „Eine der schönsten Strecken der Insel“, kündigt Lisa an. Und bisher hat sie nie zu viel versprochen. Wer weiß, was hinter der nächsten Kurve wartet – vielleicht ein Panda – und wie viele Gesichter Sardinien noch zeigen wird.
Hier geht es zur Hauser-Reise „Sardinien – große Inselumrundung“.