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Wer hat eigentlich TikTok erfunden? Was hat es mit den gehypten Blind Boxes auf sich? Und warum gehen Chinesen so gerne rückwärts? Hier findet ihr die Antworten.
Wer steckt hinter TikTok?
Kaum ein Chinese hat den digitalen Alltag so geprägt wie Zhang Yiming. Der in Longyan geborene Softwareingenieur gründet 2012 das Technologieunternehmen ByteDance, aus dem mit TikTok (in China: Douyin) eine der erfolgreichsten Apps der Welt hervorgeht. Ein ausgeklügelter Empfehlungsalgorithmus analysiert das Nutzerverhalten und zeigt jedem Nutzer genau die Inhalte, die ihn interessieren. Innerhalb weniger Jahre wird TikTok zu einer der einflussreichsten Social-Media-Plattformen. 2026 zählt Zhang mit einem geschätzten Vermögen von mehr als 90 Milliarden US-Dollar zu den reichsten Menschen der Welt und ist der zweitreichste Mensch Asiens.

Doch anders als viele Tech-Milliardäre meidet der 43-Jährige die Öffentlichkeit. 2021 überrascht er die Branche mit seinem Rückzug als CEO und Verwaltungsratsvorsitzender. Offiziell erklärt Zhang, ihn würden Technologie, Innovation und langfristige Strategien mehr reizen als das Tagesgeschäft eines Managers. Beobachter munkeln, dass es einen Zusammenhang mit dem verschärften Kurs der chinesischen Regierung gegenüber der Tech-Branche geben könnte. Bestätigt hat Zhang dies nie.
China im Sammelfieber
Die Spannung steigt bis zum letzten Moment: Erst beim Öffnen einer Blind Box zeigt sich, welche Figur sich darin verbirgt. Genau dieser Überraschungseffekt löst ursprünglich in Japan einen Hype aus. Den Durchbruch in China schafft das Pekinger Unternehmen Pop Mart mit seinen Designerfiguren, zunächst mit Molly und später mit Labubu. Letzterer ist ein zotteliges Fantasiewesen mit spitzen Ohren und breitem Grinsen, entworfen vom Hongkonger Künstler Kasing Lung. Labubu erscheint inzwischen in Hunderten Varianten – von klassischen Blind-Box-Figuren über Plüschanhänger bis hin zu limitierten Sondereditionen. Mehrmals im Jahr kommen neue Serien hinzu.

Der Erfolg der Blind Boxes beruht auf dem Zufallsprinzip: Käufer wissen nie, welche Figur sie erhalten. Seltene „Secret Editions“ sind besonders begehrt und werden von Sammlern teils für ein Vielfaches des ursprünglichen Kaufpreises gehandelt. Auf chinesischen Plattformen wie Douyin und Xiaohongshu wird getauscht und verkauft. „Unboxing“-Videos erzielen Millionen Aufrufe. Das Konzept ist längst auf andere Branchen übergesprungen. Neben den Labubu-Figuren bieten Unternehmen mittlerweile auch Kosmetik, Snacks, Hotelgutscheine und sogar Flugtickets in Blind Boxes an. Der Hype wurde so groß, dass die chinesische Regierung eingriff. Um ein suchtähnliches Konsumverhalten zu verhindern, dürfen Kinder unter acht Jahren seit 2023 keine Blind Boxes mehr kaufen. Auch sogenannte „Pet Blind Boxes“, bei denen lebende Tiere als Überraschungsinhalt angeboten wurden, sind mittlerweile nach heftiger Kritik verboten.
Superstar auf Skiern
In den USA geboren, in China gefeiert wie ein Popstar: Eileen Gu. International ist sie unter diesem Namen bekannt, in China heißt sie Gu Ailing. Die 23-jährige, in San Francisco geborene Freestyle-Skifahrerin hat chinesische Wurzeln – ihre Mutter stammt aus Shanghai – und spricht fließend Mandarin. Sie fühlt sich beiden Kulturen eng verbunden und sorgte 2019 weltweit für Schlagzeilen, weil sie seitdem nicht mehr für die USA, sondern für China startet. Bei den Olympischen Winterspielen 2022 in Beijing gewinnt sie zwei Gold- und eine Silbermedaille, 2026 folgen eine weitere Gold- und zwei Silbermedaillen. Damit ist sie die erfolgreichste Freestyle-Skifahrerin der olympischen Geschichte.

Gu erklärt ihren Verbandswechsel damit, den Wintersport in China populärer machen zu wollen. Mitentscheidend dürfte jedoch auch der Zugang zu einem milliardenschweren Werbemarkt gewesen sein. Neben ihrer Sportkarriere studiert Gu an der Stanford University und arbeitet als Model für Luxusmarken. Mit Millionen Followern auf Instagram, TikTok, Weibo, Douyin und Xiaohongshu zählt sie zu den einflussreichsten Sportlerinnen der sozialen Medien. Dank zahlreicher Sponsorenverträge gehört sie mit einem Jahresverdienst von rund 23,1 Millionen US-Dollar zudem zu den bestbezahlten Sportlerinnen der Welt.
Ob sie Chinesin oder Amerikanerin ist, sorgt anhaltend für Diskussionen, denn sie selbst weicht dieser Frage aus. Offiziell erkennt China keine doppelte Staatsbürgerschaft an. Gegenüber ESPN, dem größten Sportsender der USA, antwortete sie jüngst so: „Wenn ich in den USA bin, bin ich Amerikanerin. Wenn ich in China bin, bin ich Chinesin.“
Der rote Strand von Dawa
Ein leuchtend roter Strand, und kein einziges Sandkorn ist dafür verantwortlich. Im Nordosten Chinas, in der Provinz Liaoning am Golf von Bohai, sorgt im Delta des Liaohe-Flusses eine salzliebende Pflanze namens Strand-Sode jeden Herbst für eines der spektakulärsten Naturschauspiele Chinas. Im Frühjahr sprießt sie zunächst blaugrün aus dem Boden, bevor sie sich im Herbst in ein leuchtendes Rot verwandelt. Sobald ihre Samen im September reif sind, stirbt die Pflanze an der hohen Salzkonzentration. Im nächsten Frühjahr keimen aus den zurückgebliebenen Samen neue Pflanzen – und der Kreislauf beginnt von vorn.

Besucher erkunden die Landschaft, die zu den größten Schilf- und Feuchtgebieten der Erde gehört, auf kilometerlangen Holzstegen. Sie ermöglichen einen spektakulären Spaziergang durch das rote Pflanzenmeer, ohne das empfindliche Ökosystem zu beschädigen. Das Schutzgebiet ist zudem Heimat oder Rastplatz für mehr als 260 Vogelarten, darunter der seltene Mandschurenkranich.
Chinas großer Forschungsreisender
Jahrhunderte bevor es Landkarten, Satellitenbilder oder GPS gab, machte sich Xu Xiake (1587–1641) auf den Weg, um China zu erkunden. Der Geograf, Entdecker und Reiseschriftsteller der Ming-Dynastie bereiste mehr als 30 Jahre lang 16 Provinzen seiner Heimat. Meist war er ohne Begleiter unterwegs, oft unter schwierigsten Bedingungen und fast immer zu Fuß. Statt eine sichere Beamtenlaufbahn im Staatsdienst einzuschlagen, wie das in wohlhabenden Gelehrtenfamilien üblich war, entschied er sich bewusst für ein Leben als Forschungsreisender.
Anders als viele Reisende seiner Zeit beschränkte sich Xu Xiake nicht auf die Beschreibung von Sehenswürdigkeiten und Überlieferung von Mythen, sondern erforschte Flüsse, Gebirge, Höhlen und Gesteine vor Ort und suchte nach wissenschaftlichen Erklärungen für geologische Phänomene. Besonders seine Erkenntnisse zu den Karstlandschaften Südchinas waren ihrer Zeit weit voraus und werden von Geologen bis heute hochgelobt.

Seine Tagebücher wurden nach seinem Tod unter dem Titel „Die Reisen des Xu Xiake“ veröffentlicht. Das Werk gilt nicht nur als Meilenstein der Geografie, sondern auch als Klassiker der chinesischen Reiseliteratur. Bis heute verehren ihn die Chinesen als ihren bedeutendsten Forschungsreisenden: Seit 2011 wird jedes Jahr am 19. Mai der China Tourism Day gefeiert. Das ist der Tag, an dem Xu Xiake im Jahr 1613 seine erste große Forschungsreise begann und den ersten Eintrag in sein berühmtes Reisetagebuch schrieb.
Livestream-Shopping
Chatten, einkaufen und bezahlen – alles online und live. Was in Europa noch als neuer Trend gilt, gehört in China längst zum Alltag. 2025 erreichte der Markt für Livestream-Shopping ein Volumen von über 800 Milliarden US-Dollar. Fast jeder dritte Online-Einkauf wurde über eine Live-Übertragung abgeschlossen.
Influencer präsentieren Produkte, beantworten Fragen in Echtzeit, und ihre Follower können per Klick sofort bestellen. Das Prinzip hat sich inzwischen weit über die Social-Media-Stars hinaus verbreitet. Frisch gefangener Fisch lässt sich per Livestream direkt vom Kutter kaufen, ebenso wie Gemüse vom Bauernhof, Designertaschen in Boutiquen, Hotelübernachtungen, Pauschalreisen oder sogar Elektroautos.

Zu den erfolgreichsten Akteuren der Branche zählt Li Jiaqi, besser bekannt als „Lipstick King“. Mit seiner mitreißenden Art macht der 34-Jährige, der vor seiner E-Commerce-Karriere als Kosmetik-Assistent für L'Oréal arbeitete, Lippenstifte zum Live-Event. Während einzelner Streams verkauft er Produkte im Wert von mehreren Millionen Euro. Er ist das Paradebeispiel dafür, dass sich in China der klassische Online-Shop in eine interaktive Bühnenshow verwandelt hat.
Die Frau, die Millionen Leben rettete
Als in den 1960er-Jahren im Vietnamkrieg immer mehr Soldaten an Malaria sterben, weil die Erreger zunehmend resistent gegen die verfügbaren Medikamente werden, startet China eine streng geheime Mission. Unter dem Codenamen „Projekt 523“ (benannt nach dem Startdatum, dem 23. Mai 1967) suchen mehr als 500 Wissenschaftler nach einem neuen Heilmittel. Die Leitung eines Forschungsteams übernimmt 1969 die damals 39-jährige Pharmakologin Tu Youyou.
Auf der Suche nach einem Wirkstoff stößt sie in einem über 1700 Jahre alten Werk der traditionellen chinesischen Medizin auf den entscheidenden Hinweis: Die Heilpflanze Einjähriger Beifuß darf nicht gekocht, sondern muss schonend verarbeitet werden, um die gegen Malaria wirksame Substanz Artemisinin isolieren zu können. Bevor ihre Entdeckung als Medikament auf den Markt kommt, testet Tu Youyou es übrigens an sich selbst und an Kollegen, um mögliche Nebenwirkungen auszuschließen. Bis heute sind Methode und Wirkstoff die Grundlage für eine erfolgreiche Malariatherapie.

In China wurde Tu Youyou lange als „Professorin der drei Nichts“ bezeichnet, weil sie keinen Doktortitel besaß (und bis heute nicht besitzt), nie im Ausland geforscht hatte und lange kein Mitglied der Chinesischen Akademie der Wissenschaften war. Erst 2015 bekommt die zu dem Zeitpunkt fast 85-Jährige die internationale Anerkennung, die sie längst verdient hatte. Für eine der bedeutendsten medizinischen Entdeckungen des 20. Jahrhunderts und als erste chinesische Wissenschaftlerin erhält sie den Nobelpreis für Medizin.
Rückwärts statt vorwärts …
… im zukunftsorientierten China gilt das nur beim Morgensport. Wer früh am Tag durch einen Park in Beijing, Shanghai oder Chengdu spaziert, begegnet immer wieder Menschen, die konzentriert Schritt für Schritt den Weg rückwärts zurücklegen. Was zunächst ungewöhnlich wirkt, gehört in China zur traditionellen Gesundheitskultur. Das Rückwärtsgehen soll Gleichgewicht, Koordination und Körperhaltung verbessern, die Waden- und Rückenmuskulatur stärken sowie das Herz-Kreislauf-System anregen. Seine Wurzeln hat der Brauch in der chinesischen Philosophie. Dort symbolisiert das Vorwärtsgehen das Yang, das Rückwärtsgehen das Yin.

Die komplementären Kräfte ergänzen sich und stehen für das Streben nach Harmonie und Ausgeglichenheit. Wer beide Bewegungsformen bewusst miteinander verbindet, bringt Körper und Geist in Einklang. Gemeinsam mit Tai Chi, Qigong und den morgendlichen Tanzgruppen gehört das Rückwärtsgehen deshalb bis heute zum vertrauten Bild in den Parks chinesischer Städte.