Land & Leute

Wer sind die albanischen Royals? Welche Friedensnobelpreisträgerin kam aus Albanien? Und warum machen albanische Fußballer immer diese eine Handgeste? Die Antworten gibt es hier.

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„Schwurjungfrauen“

Nicht weil sie sich im falschen Körper geboren fühlen, entscheiden sich die „Burrneshas“, zu Deutsch „Schwurjungfrauen“, für ein Leben als Mann. Meist passiert es aus einer Notlage heraus: Stirbt das Oberhaupt einer Familie und hinterlässt keinen männlichen Nachfolger, nimmt stattdessen eine Frau den Platz des Patriarchen ein. Das ist allerdings nur dann möglich, wenn diese Frau vor den Ältesten ihrer Gemeinschaft schwört, sich einen männlichen Namen zu geben, männlich zu kleiden, für immer enthaltsam zu bleiben, nie zu heiraten und nie eigene Kinder zu bekommen.

Qamile Stema ist eine der letzten „geschworenen Jungfrauen" Albaniens – eine Burrnesha

So schreibt es das jahrhundertealte, mündlich tradierte Gewohnheitsrecht „Kanun“ vor, in dem auch die brutalen Regeln der Blutrache verankert sind. Manche Frauen entscheiden sich aber auch für ein Leben als Burrnesha, um einer arrangierten Ehe zu entgehen; und wieder andere, weil sie schlicht so frei und unabhängig leben wollen wie die Männer: in Männerberufen arbeiten, auf die Jagd gehen, verreisen, rauchen, Alkohol trinken und ihre Meinung sagen – das und vieles mehr wäre ihnen als Frau in der patriarchalisch geprägten Gesellschaft untersagt. Heute ist die Tradition der Burrneshas so gut wie ausgestorben. Die letzten Mannfrauen – ihre Zahl liegt vermutlich deutlich unter 50 – leben in abgelegenen Bergregionen im Norden Albaniens.

Die albanischen Royals

Auch wenn das albanische Königshaus seit 1944, nach der Abschaffung der Monarchie gegen Ende des Zweiten Weltkrieges, keine politische Rolle mehr spielt, ist das öffentliche Interesse nach wie vor groß. Unter der Diktatur von Enver Hoxha muss die Königsfamilie ins Exil nach Südafrika fliehen. 1982 wird dort Thronprätendent (Thronfolger, der aber nicht offiziell als Monarch anerkannt ist) Leka II. geboren. Um sicherzustellen, dass er auf „albanischem Boden“ das Licht der Welt erblickt, wird die Entbindungsstation im südafrikanischen Sandton kurzerhand für 24 Stunden zu albanischem Hoheitsgebiet erklärt. 2002 darf die Königsfamilie in die Heimat zurückkehren, Albanien bleibt allerdings eine Republik. Leka II. studiert an der Universität Illyria in Tirana „Internationale Beziehungen und Diplomatie“ und arbeitet als Berater für das Außen- und Innenministerium sowie für den albanischen Präsidenten.

Albanischer Thronprätendent: Leka II.

Für Schlagzeilen in der Boulevardpresse sorgt der Rosenkrieg mit gegenseitigen Gewaltvorwürfen zwischen dem Prinzen und seiner ersten Frau, der Schauspielerin und Sängerin Elia Zaharia. Inzwischen hat Leka II. ein neues Liebesglück gefunden. Im März 2026, nur einige Monate nach seiner Scheidung, heiratet Leka II. die Fotografin Blerta Celibashi.

Vom Kommunismus zur Kultbar

Das Komiteti – Kafe Muzeum, dessen Name ironisch auf die Ära des kommunistischen Zentralkomitees anspielt, zählt zu den beliebtesten Bars des Landes. Inzwischen gibt es mehrere Ableger, aber das Original in Tirana gilt als das authentischste. Der Gründer Arbër Çepani, ehemaliger Gewinner der albanischen „Big Brother“-Staffel, hat mit Komiteti ein Konzept geschaffen, das Café, Bar und Museum auf besondere Weise vereint.

Auch von außen ein Hingucker: das Komiteti.

Gäste fühlen sich um Jahrzehnte zurückversetzt, während sie zwischen der Sammlung historischer Alltagsgegenstände, alten Möbeln, Radios und Fernsehern aus der kommunistischen Zeit essen und trinken. Apropos trinken: Die Auswahl an Raki ist legendär: Maulbeere, Vanille, Zimt, Anis, Walnuss, Kirsche und Feige sind nur einige Geschmacksrichtungen des traditionellen albanischen Schnapses auf der Getränkekarte. Wer es extrascharf mag: Chili-Raki ist eine Spezialität des Hauses.

Leben für die Nächstenliebe

Die kleine, gebückte Frau im weißen Sari mit blauen Streifen, die immer ein gütiges Lächeln in ihrem zerfurchten Gesicht zeigte, kennt vermutlich jeder: Mutter Teresa (1910–1997). Als die katholische Nonne und Missionarin anlässlich der Verleihung des Friedensnobelpreises 1979 nach ihrer Herkunft gefragt wird, antwortet sie: „Ich wurde in Skopje geboren, in London ausgebildet, lebe in Kalkutta und arbeite für alle armen Menschen auf der Welt. Meine Heimat ist ein kleines Land namens Albanien.“ Mit 18 Jahren geht sie als Missionsschwester nach Indien, arbeitet dort als Lehrerin und schließlich als Direktorin der St. Mary’s Highschool in Kalkutta. Doch die Bettler und Kranken, denen sie in den Slums der Millionenmetropole begegnet, entfachen in ihr den Wunsch, ein neues Kapitel in ihrem Leben aufzuschlagen. Mit 38 Jahren verlässt sie ihr Kloster und gründet die Ordensgemeinschaft „Missionarinnen der Nächstenliebe“, die sich zu Armut, Ehelosigkeit, Gehorsam und dem Dienst an den „Ärmsten der Armen“ verpflichten.

Seit 1948 trug Mutter Teresa den weißen „Sari der Armen“, mit drei blauen Streifen als Erkennungszeichen für ihren Orden.

Heute gibt es mehr als 5000 Ordensschwestern in über 130 Ländern, die sich als Missionarinnen der Nächstenliebe u. a. um Kranke, Waisenkinder und Obdachlose kümmern. Weltweit wird Mutter Teresa als „Engel der Armen“ verehrt und von Papst Franziskus 2016 heiliggesprochen. Obwohl ihr Geburtsort im heutigen Nordmazedonien liegt, betont sie zu Lebzeiten stets ihre albanischen Wurzeln. Für das Balkanland ist sie Nationalheilige und Identifikationsfigur. Ihr zu Ehren heißt zum Beispiel der Airport von Tirana „Mutter-Teresa-Flughafen“.

Nationale Geste

Beim Fußball und bei vielen anderen Anlässen sieht man Albanerinnen und Albaner, wie sie die Hände über Kreuz legen, die Daumen abspreizen und mit den übrigen Fingern flattern: Sie „machen den Adler“. Es ist eine Geste der nationalen Identität, denn Albanien heißt auf Albanisch „Shqipëri“, was gerne auch als „Land der Adler“ übersetzt wird.

Skanderbeg wird auch heute noch in Albanien verehrt. Seine Adlerflagge hat es bis in die Gegenwart geschafft.

Die Greifvogelsymbolik hat eine lange Tradition in Albanien und reicht bis ins 15. Jahrhundert zurück, als der Nationalheld Skanderbeg den Widerstand gegen das Osmanische Reich anführte und für die Unabhängigkeit Albaniens kämpfte. Bereits seine Flagge zeigte einen zweiköpfigen Adler als Zeichen von Macht und Freiheit. Dieses Symbol wurde später zur Grundlage der heutigen Nationalflagge: ein schwarzer Doppeladler auf rotem Hintergrund.

Botschafter der albanischen Küche

Das Ambiente des „Mullixhiu“ erinnert an eine urige Hütte. Decken, Wände und der Boden sind aus Holz, über den rustikalen Tischen hängen Filzlampen, die früher einmal Schäferhüte waren. Hinter einer Glasscheibe mahlen drei nostalgische Mühlen uralte Getreidearten, die kaum noch angebaut werden. Übersetzt heißt der unaussprechliche Name „Der Müller“. Doch der Gründer und Inhaber des Restaurants, Bledar Kola, ist kein Müller, sondern Koch. Der 42-Jährige fühlt sich verpflichtet, die kulinarische Tradition seiner Heimat inklusiver lokaler Zutaten zu bewahren oder wiederzubeleben. Als Teenager schlägt er sich zunächst als Tellerwäscher in London durch, besucht dort eine Kochschule und sammelt wichtige Erfahrungen in mehreren Sterne-Restaurants. 2016, mit 32 Jahren, kehrt er nach Albanien zurück und eröffnet das „Mullixhiu“ im Herzen von Tirana.

Bledar Kola in Aktion: Er möchte für alle Menschen kochen und setzt daher auf relativ günstige Preise.

Kaum einer traut ihm eine erfolgreiche Karriere zu – schließlich will er ausgerechnet die lange unterschätzte Küche der einfachen Leute ins Rampenlicht rücken. Hinter der Hausmannskost verbirgt sich ein ungeahnter Gaumen- und Augenschmaus, dennoch kostet ein Sechs- bis Acht-Gänge-Menü umgerechnet nur 25 bis 35 Euro. Möglich ist das, weil er bewusst lokale, günstige Produkte verwendet und auf Luxuslebensmittel und teure Zutaten verzichtet. „Gastronomische Demokratie“ nennt Kola die kleinen Preise in seinem Restaurant gegenüber dem Online-Magazin KTCHNrebel. „Dank dieser Politik haben alle Menschen die Möglichkeit, unsere Küche zu erleben.“

Im Kochbuch „Die neue albanische Küche: Mediterran, Modern, Mullixhiu“ gibt’s Bledar Kolas leckere Rezepte zum Nachkochen. Insel Verlag, 2019.

Popstars der Diaspora

Sängerinnen wie Dua Lipa, Rita Ora, Bebe Rexha und Ava Max stehen exemplarisch für Millionen Albanerinnen und Albaner, die außerhalb ihres Heimatlandes leben. Sie sind Migrantinnen, die kometenhafte, internationale Karrieren hingelegt haben. Dua Lipa wurde in London als Tochter kosovarisch-albanischer Eltern geboren, verbrachte einen Teil ihrer Jugend in Pristina und kehrte später nach Großbritannien zurück, wo sie ihre Musikkarriere startete. „Dua“ bedeutet auf Albanisch übrigens „Liebe“ oder „ich liebe“.

Superstar Dua Lipa war erst vor Kurzem in den Schlagzeilen: Ende Mai heiratete sie den britischen Schauspieler Callum Turner. / Wikipedia_CC_©Harald Krichel

Rita Ora wurde im Kosovo geboren, ihre Eltern sind ethnische Albaner. Die Familie floh in den 1990er-Jahren vor den politischen Spannungen nach London. Bebe Rexha und Ava Max wurden in den USA geboren, ihre Eltern stammen aus Albanien und wanderten in den 1980er- bzw. 1990er-Jahren aus. Die vier Popstars verweisen regelmäßig stolz auf ihre albanischen Wurzeln. Sie sei „100 % albanisch“, sagt zum Beispiel Ava Max, deren erste Sprache nicht Englisch, sondern Albanisch ist. In einem Interview mit der Vogue betont Dua Lipa: „Ich komme aus einer Migrantenfamilie. Mir wurde beigebracht, dass ich stolz auf meine Wurzeln bin.“

TikTok-Verbot

An einer Schule in Tirana kommt es Ende 2024 zu einer Messerstecherei zwischen zwei Schülern, bei der ein 14-Jähriger stirbt. Weil deren tödlicher Streit angeblich zuvor über TikTok angezettelt wurde (was TikTok dementiert), reagiert die albanische Regierung kurz darauf mit einer einjährigen Sperre der beliebten Online-Plattform. Kinder und Jugendliche müssten vor Gewalt, Mobbing und schädlichen Inhalten geschützt werden. Die Opposition wettert über das Verbot als diktatorische Maßnahme und Zensur. Kurz vor den Parlamentswahlen im Mai 2025 würde die Regierung von Edi Rama das Verbot nutzen, um die freie Meinungsäußerung zu unterdrücken.

Auch die Bevölkerung protestiert zunächst, umgeht das Verbot dann aber einfach mit Hilfe eines VPN. Das VPN verschleiert den echten Standort des Handys und gibt vor, in einem anderen Land zu sein. Im Februar 2026, einen Monat vor Fristablauf, lässt die Regierung TikTok wieder zu. Die Verhandlungen mit der chinesischen Plattform über bessere Sicherheitsmaßnahmen seien zufriedenstellend verlaufen. Damit kommt die Regierung dem Verfassungsgericht zuvor, das die Sperre für verfassungswidrig erklärt, weil sie gegen die Meinungsfreiheit verstoße.