Land & Leute
Wie klingt Marokko? Was kommt im angesagtesten Restaurant von Marrakesch auf den Tisch? Und wie viele Menschen passen in Casablancas riesiges Fußballstadion? Hier erfahrt ihr es.
Gnaoua – so klingt Marokko
Sklaven aus Westafrika wurden im 16. und 17. Jahrhundert nach Marokko verschleppt, um auf den Zuckerrohr-Plantagen zu arbeiten oder die Armee von Sultan Moulay Imail zu verstärken. Nach ihrer Ankunft vermischen sich die rhythmischen Klänge ihrer traditionellen Musik mit islamisch-sufistischen Einflüssen zu einer einzigartigen Form der Trancemusik. Seit 2019 zählen die Gnaoua-Musik und die damit verbundenen Rituale zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO. Den Gesang begleiten die dreisaitige Basslaute Guembri, Metallkastagnetten (Qraqeb) und Trommeln. Traditionell spielen die Musiker bei nächtlichen Zeremonien, die der spirituellen Reinigung und Heilung dienen, während sich ihre Zuhörer in Trance tanzen.

Auch in Marokkos Moderne ist die Gnaoua-Musik präsent, denn sie wird gerne mit Jazz, Rock oder elektronischen Klängen kombiniert. Der perfekte Ort, sie live zu erleben, ist das jährlich in Essaouira stattfindende Gnaoua-Festival. Konzerte und Jamsessions gibt’s kostenlos in der ganzen Stadt: am Strand, am Place Moulay Hassan und in den Altstadtgassen.
Wie die Gnaoua-Musik klingt? Hört mal rein:
Roms nordafrikanisches Erbe
Inmitten grüner Hügel, keine Autostunde von der Königsstadt Meknes entfernt, liegt eine der bedeutendsten römischen Ausgrabungsstätten Nordafrikas: Volubilis. Seit 1997 ist die Ruinenstadt, deren außergewöhnlich gut erhaltene Mosaike Jagdszenen, römische Götter und den Alltag wohlhabender Stadtbewohner zeigen, UNESCO-Welterbe.

Erst 1874 identifizieren französische Archäologen die Ruinen als das einstige Handelszentrum der Römer, weitere 40 Jahre später beginnen intensive Ausgrabungen. Die in Volubilis gefundenen Bronzestatuen gehören zu den Hauptattraktionen des Archäologischen Museums von Rabat.
Tradition neu serviert
Auf der Speisekarte des minimalistisch eingerichteten „Nomad“ finden sich Klassiker wie „Tajine“ oder Couscous. Wer probieren will, wie der marokkanische Chefkoch diese traditionellen Rezepte modern interpretiert oder wie Nomad-Burger und mehlloser Orangenkuchen schmecken, sollte unbedingt einen Tisch im bei Touristen vielleicht angesagtesten Restaurant von Marrakesch reservieren. In dessen Räumen war bis 2014 noch ein Teppichgeschäft untergebracht. Besonders beliebt ist die Dachterrasse, von der aus man den Blick über die Gassen der Medina schweifen lassen kann.

Laut Mitgründer Sebastian de Gzell sei es übrigens nicht möglich, eine richtige Tajine im Restaurant zuzubereiten. „Traditionell köchelt das Essen im Tongefäß mindestens drei, manchmal bis zu sechs Stunden auf heißen Kohlen. […]“, erklärt der 56-Jährige in einem Interview mit dem Online-Magazin „femtastics“: „In Restaurants werden Tajines einfach in einem Kochtopf gekocht und nur fürs Servieren in Tongefäße umgefüllt. Wir finden das unehrlich und sagen deshalb, dass unsere Gerichte ‚von Tajines inspiriert‘ sind.“
Pionierin der Bildung
Sie ist der Beweis, dass Frauen im mittelalterlichen Islam eine aktive Rolle in Wissenschaft und Gesellschaft spielen konnten: Fatima al-Fihri (ca. 800 – ca. 880). Das von ihrem Vater geerbte Vermögen investierte sie in Fes in den Bau der Al-Qarawiyin-Moschee und der gleichnamigen Hochschule. Diese im Jahr 859 ins Leben gerufene Institution gilt laut UNESCO und dem Guinness-Buch der Rekorde als die älteste kontinuierlich betriebene Universität der Welt.


Die Al-Qarawiyin-Moschee in Fes wurde dank Fatima al-Fihri erbaut.
Sie entstand über 200 Jahre vor der ältesten europäischen Universität in Bologna und knapp 400 Jahre vor der renommierten Pariser Sorbonne. Doch auch wenn die Stifterin weiblich war: Frauen wurden als Studierende erst im 20. Jahrhundert zugelassen. An der Al-Qarawiyin liegt der Fokus heute auf islamischen Wissenschaften, Arabisch und Rechtswissenschaften. Die zur Anlage gehörende Bibliothek beherbergt tausende wertvolle Manuskripte und ist eine der wichtigsten Bibliotheken der islamischen Welt.
Maßgeschneidert
Seine kreative Laufbahn startet der in Jerusalem geborene Artsi Ifrach als Balletttänzer. Mit 28 Jahren beginnt der Autodidakt dann eine Karriere als Modedesigner. Nach Stationen in Amsterdam, Tel Aviv und Paris lässt er sich in Marrakesch, der Heimatstadt seines Vaters, nieder. In der Neustadt etabliert er einen Showroom für sein Label „Maison ARTC“. Slow Fashion ist sein Motto, und so verwendet er ausschließlich alte Stoffe, Bordüren und Kleidungsstücke für seine Kreationen. Das Material sammelt er in der ganzen Welt, zerschneidet es in seinem Atelier, kombiniert es extravagant und näht es wieder zusammen.

Seine opulenten, bunten Entwürfe, die in Handarbeit gefertigt werden, realisiert Ifrach ohne Skizzen, direkt am Model, am liebsten an der Marokkanerin Tilila Oulhaj. Jedes Exemplar, das er verkauft, ist ein Unikat und entsprechend teuer: Fünfstellige Beträge muss seine Kundschaft für ein Teil locker machen. Von manchen Kreationen kann sich der Designer allerdings nicht trennen: Ein Gobelinmantel zum Beispiel, der aus Stücken verschiedener Wandteppiche zusammengenäht wurde, ist unverkäuflich.
Gigantisches Fußballstadion
Casablanca bekommt mit 115.000 Zuschauerplätzen das größte Fußballstadion der Welt. So heißt es jedenfalls offiziell, auch wenn nicht im Stadtzentrum gebaut wird, sondern ca. 40 Kilometer außerhalb. Das prägnanteste Merkmal ist das riesige, lichtdurchlässige Dach aus Aluminiumgitter, das an traditionelle Zelte der Berber erinnert. Das „Grand Stade Hassan II“ soll rechtzeitig zur FIFA-Weltmeisterschaft 2030 fertiggestellt sein, die Marokko zusammen mit Spanien und Portugal ausrichtet.

Was aber wird aus dem größten Fußballstadion der Welt, wenn der Mega-Event zu Ende ist? Jedenfalls keine Investitionsruine, sagt der für das marokkanische Planungsministerium tätige Architekt Abderrahim el-Yadini dem Deutschlandfunk: „Das hier ist nicht wie in Katar, wo es keine Fußballkultur gibt, wo sie die Stadien zurückbauen mussten. Das Stadion ist ein Gewinn für Marokko, hier ist Fußball eine Religion.“
Marokkos „Marco Polo“
Alles beginnt mit der großen Pilgerreise nach Mekka, die jeder Muslim einmal im Leben unternehmen soll. Ein junger Adeliger aus Tanger macht sich im Jahr 1325 auf den Weg. Sein voller Name ist Scheich Abu Abdallah Mohammed bin Abdallah bin Mohammed bin Ibrahim al-Lawati, besser bekannt als Ibn Battuta (1304 – 1368). Bei der Hadsch sollte es nicht bleiben: Insgesamt 29 Jahre ist er unterwegs und legt dabei ca. 120.000 Kilometer zurück – dreimal so viel wie der legendäre Marco Polo. Mit Schiffen, Kutschen und Kamelen erkundet er u. a. Ostafrika, den Persischen Golf, Indonesien, Indien, China und Spanien. Seine Erlebnisse, die er in rund 50 Ländern sammelt, hält er auf Wunsch des Sultans von Fes schriftlich fest.

Der Weltenbummler diktiert dem Sekretär des Sultans seine Erlebnisse, und so entsteht eine aus Fakten und Fabeln buntgemischte Saga. Obwohl die „Rihla“ (auf Deutsch: Reise) wertvolle Einblicke in die Geografie und Sozialgeschichte des 14. Jahrhunderts bietet, gerät sie in Vergessenheit. In Europa ist sie komplett unbekannt, bis der Schweizer Orientforscher Johann L. Burckhardt Anfang des 19. Jahrhunderts in Kairo auf die Schriften stößt. Erst Übersetzungen ins Französische, Englische und Deutsche machen Ibn Battuta und sein Werk weltberühmt.
Ein Garten als Kunstwerk
Als der Universalkünstler André Heller 2010 ein drei Hektar großes Grundstück in der Nähe von Marrakesch kauft, um dort den Anima-Garten anzulegen, ist dort nichts als Wüste. Die anfänglichen Versuche, ein üppiges Pflanzenparadies zu schaffen, scheitern. Mit Hilfe von Spezialisten und viel Experimentierfreude verbessert Heller die Bodenbeschaffenheit, installiert Bewässerungssysteme und wählt die Pflanzen nach Standorttauglichkeit aus. Heute wuchern im Anima-Garten Palmen, Kakteen, Oliven- und Orangenbäume, Bougainvillea, Hibiskus, Bananenstauden und vieles mehr. Zwischen dem Grün tauchen bunte Skulpturen, Gesichter, Tiere und Installationen auf, mal aus Stein, mal aus Metall oder Keramik.

Viele der Kunstwerke hat Heller selbst entworfen, darunter ein gigantischer Mosaikkopf, andere hat er von lokalen und internationalen Künstlern (z. B. Keith Haring) erworben. Alle sind Originalwerke, keine Reproduktionen. Der Anima-Garten ist ein begehbares Kunstwerk, das der Österreicher auf seiner Website als einen „magischen Ort der Sinnlichkeit, des Staunens, der Kontemplation, der Freude, der Heilung und der Inspiration für Menschen jeden Alters“ beschreibt. Seit der Eröffnung 2016 zählt der Anima-Garten zu den größten Touristenmagneten Marokkos.