Land & Leute

Was macht den Casu Marzu zum gefährlichste Käse der Welt? Was verbirgt sich hinter den "Fäden Gottes"? Und welcher sardische Modedesigner hat es von Alghero bis auf die Pariser Laufstege geschafft? Hier erfahrt ihr es!

Land & Leute

Tierliebe

Der aus Olbia stammende Rapper Salmo macht Musik mit Hardcore- und Metal-Einflüssen und hat zum Teil neunstellige Abrufzahlen auf Spotify. Seine letzten sechs Alben waren alle auf Platz eins in den italienischen Charts. Begeisterung unter seinen Fans löste er 2024 allerdings nicht mit seiner Musik, sondern mit einem anderen Move aus: Dem 42-Jährigen wurde in einem Edelrestaurant in Cagliari ein Hummer angeboten.

Nachdem er dem Meerestier in die Augen geschaut hatte, so erzählt er, entschloss er sich, es nicht zu essen, sondern ihm die Freiheit zu schenken. Seine 2,6 Millionen Follower auf Instagram konnten miterleben, wie er den Hummer in einer Papiertüte zum Strand trug und ins Meer entließ.

Wollt ihr mal in die Musik des Rappers reinhören? „Salmo Unplugged“ (Amazon Original), aufgenommen in seiner sardischen Heimat.

https://www.youtube.com/watch?v=D0bACr_bPM4 

Das rebellische Dorf

Ende der 1960er-Jahre entstehen die ersten der „Murales“ genannten Wandgemälde in Orgosolo, das einst als Banditennest berüchtigt war. Mit politischen Wandbildern protestiert das Dorf zunächst gegen einen NATO-Truppenübungsplatz, der auf traditionellem Weideland errichtet werden soll. In den kommenden Jahrzehnten sind es Künstler von außerhalb, aber auch die Bewohner selbst, die weitere Fassaden sprechen lassen: über die Weltpolitik, über Skandale, aber auch über ihren Hirtenalltag.

Einen besonderen Namen hat sich Francesco del Casino gemacht, ein Zeichenlehrer aus Siena, der zusammen mit seinen Schülern viele weitere Hauswände bemalt. Heute zieren hunderte Murales Orgosolo und verwandeln das Dorf in ein lebendiges Freilichtmuseum.

Spätes Glück

Erstmals auf sich aufmerksam macht die 1977 in Cagliari geborene Caterina Murino mit 19, als sie bei den Wahlen zur Miss Italia Vierte wird. In den kommenden Jahren modelt sie und wirbt für internationale Marken wie Nescafé, Mercedes-Benz, Mastercard oder Swatch. Dass sie sich zur Schauspielerin ausbilden lässt, lohnt sich. 2006 feiert sie in der Rolle der Solange Dimitrios in „Casino Royale“ an der Seite von Daniel Craig ihren größten internationalen Erfolg. Weitere Auftritte in Kino- und TV-Filmen folgen, allerdings bleibt ihre Rolle als Bond-Girl die wichtigste. 2023 moderiert Murino die Gala der 80. Filmfestspiele in Venedig.

Im Alter von 48 Jahren beginnt dann ein neues Lebenskapitel für sie: Dank künstlicher Befruchtung wird sie zum ersten Mal Mutter. Ihre Schwierigkeiten, schwanger zu werden, sowie zwei Fehlgeburten hatte sie zuvor öffentlich thematisiert. Die Geburt ihres Sohnes Demetrio Tancredi am 21. August 2025 verkündet Murino auf Instagram und freut sich in dem Post, dass ihre vier Katzen nun endlich einen jüngeren „Bruder“ haben.

Canto a Tenore

Vier Männer – manchmal sind es Großvater, Vater, Sohn und Enkel, manchmal Brüder, manchmal Freunde – bilden einen engen Kreis, lehnen sich leicht zueinander und beginnen zu singen. Die Hauptstimme (Oche) führt die Melodie, dann steigen die tiefen, vibrierenden Stimmen von Bassu, Contra und Mesa boghe ein.

Solche Quartette gibt es nur auf Sardinien. Sie treffen sich in Bars, auf Dorffesten oder einfach spontan auf der Straße, um von der Liebe, Landschaft oder ihrem Alltag zu singen. Diese uralte Tradition des polyphonen Kehlkopfgesangs kommt vor allem in der Barbagia, einer felsigen Hochebene im Osten Sardiniens, vor und wurde 2005 von der UNESCO in die Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen.

Eine Hörprobe inklusive Erklärung gefällig? YouTube „Canto a tenore, Sardinian Pastoral Songs”

Gefährliche Delikatesse

Der Casu Marzu aus Sardinien hat den Ruf, der gefährlichste Käse der Welt zu sein. Mit diesem Superlativ steht er seit 2009 im Guinness-Buch der Rekorde. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit hat seine Herstellung verboten, den Verkauf illegal gemacht. Aber warum? Im Käse tummeln sich haufenweise Maden, die eine schwerwiegende Infektion im Darm verursachen können. Die Sarden schreckt das nicht ab.

Sie nutzen die unappetitlichen Tierchen als Veredler, denn sie machen aus einem normalen Schafskäse den berühmt-berüchtigten Casu Marzu. Käsefliegen legen ihre Eier in den aufgeschnittenen Laib. Sobald der Käse ausreichend befallen ist, setzen die Käser den Deckel wieder auf. In den folgenden Monaten reift der Casu Marzu. Die Larven schlüpfen aus den Eiern, fressen und verdauen den Käse. Dadurch bekommt er ein scharfes, leicht gammliges Aroma. Für die Sarden ist und bleibt der „verdorbene“ Käse eine Delikatesse – verboten oder nicht.

Karneval auf Sardinien

Der sardische Karneval ist kein touristisches Spektakel mit Konfetti und bunten Umzügen, sondern ein uraltes Ritual. Am bekanntesten sind die Karnevalsfiguren Mamuthones und Issohadores aus dem Bergdorf Mamoiada. Die Mamuthones werfen sich dunkle Schaffelle über und verbergen ihre Gesichter hinter schwarzen, fratzenhaften Holzmasken. Immer zu zwölft – weil sie die Monate des Jahres symbolisieren – bewegen sie sich langsam tanzend zum Rhythmus ihrer Glocken durch die Straßen, begleitet von acht weiß-rot gekleideten Issohadores mit weißen Masken.

Die werfen Seile aus, um Zuschauer einzufangen. Für ihre Freilassung müssen die Gefangenen mit Getränken „bezahlen“. In Sardinien erzählt man sich gern eine kleine Anekdote: Ein Besucher fragte einmal einen älteren Dorfbewohner, wen die Mamuthones darstellen: Dämonen? Krieger? Geister? Der Mann lächelte und sagte: „Sie sind das, was wir seit Jahrhunderten sind: Menschen zwischen Winter und Frühling.“

Geschichtenerzähler

Der Modedesigner Antonio Marras besuchte nie eine Modeschule. Sein Vater, der Inhaber eines Stoffgeschäfts in seinem Geburtsort Alghero war, vermittelte ihm die wichtigsten Stoff- und Designkenntnisse. Es war klar, dass er in die Fußstapfen seines Vaters treten würde – bis ein Modehaus aus Rom Marras beauftragte, eine Prêt-à-porter-Kollektion für sie zu zeichnen. Entgegen seinem ursprünglichen Plan arbeitet er von nun an als Designer, wird u. a. Kreativdirektor bei dem französischen Luxuslabel Kenzo und etabliert seine eigene Marke „Antonio Marras“. Auf dem Catwalk seiner Fashionshows bekommt das Publikum nicht nur Mode zu sehen, sondern auch Tanzeinlagen und Models, die wie in einem Theaterstück interagieren.

Schließlich möchte er die Geschichte erzählen, die hinter jeder seiner Kollektionen steckt. Seine Heimat Sardinien bleibt die bedeutendste Inspirationsquelle für ihn, wie er immer wieder betont. So wundert es nicht, dass das Shooting der Herbst-/Winterkollektion 2025/26 seiner Eigenmarke in seiner Heimatstadt Alghero stattfand. Als Model gewann er dafür die amerikanische Schauspielerin Sharon Stone.

Ein Hauch von Nudeln

Su Filindeu, „die Fäden Gottes“, sind eine der seltensten und außergewöhnlichsten Nudelspezialitäten der Welt. Hergestellt werden sie aus vier Zutaten: Grießmehl, Wasser, Salz und Geduld. Auf Sardinien beherrschen angeblich nur noch drei Frauen die zeitaufwändige und sehr komplizierte Kunst, den Nudelteig in hauchdünnen Fäden und in drei Schichten über ein rundes Holzgestell zu spannen und daraus ein zartes, essbares Netzwerk zu machen.

Die Technik erfordert jahrelange Übung und gilt als so schwierig, dass selbst Sterneköche und prominente TV-Köche wie Jamie Oliver daran scheitern. Traditionell wird Su Filindeu nur zwei Mal im Jahr anlässlich von Pilgerfesten zubereitet. Serviert werden die Nudeln in Schafsbrühe und mit geriebenem Pecorino-Käse. Leider vermutlich nicht mehr allzu oft. Denn eine nächste Generation der Nudelkünstlerinnen gibt es nicht.